Sonntagsfragen: Ach, was ihr nicht sagt!

“Respekt ist die Basis, auf der ein Gemeinschaftsgefühl entsteht”

 

Vor kurzem habe ich auf Jetzt.de (Online Portal für junge Leute der Süddeutschen Zeitung) einen Beitrag an die Generation 40+ entdeckt. Der Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber das Thema wird ja nicht schlecht. Über einige Ansagen der jungen Leute habe ich mich massiv geärgert, obwohl ich ein Mensch mit einem riesengroßen Verständnis für die junge Generation bin.

Auf einige der gemachten Aussagen möchte ich aus meiner Sicht antworten:

Es mag traurig für euch sein, dass die Jungen das haben, was ihr gerne noch hättet, nämlich eine Freikarte fürs Unvernünftigsein. Für uns ist es traurig, dass ihr keine Vorbilder, sondern unsere Kumpels sein wollt. Kumpels haben wir nämlich genug.

Ist es tatsächlich so, dass die heutige Elterngeneration keine Vorbilder mehr sein wollen? Sicher gibt es solche Menschen, aber die hat es wohl immer gegeben. Wir wollen gerne auch Kumpel sein, euch auf Augenhöhe begegnen und nicht von oben herab behandeln. Das zeugt ja auch davon, dass wir euch als Mensch respektieren. Ein gelebtes Leben und eine Menge Erfahrung haben wir euch zwangsläufig voraus. Ihr müßt dieses Wissen nur einfordern.

Bestimmt ist es nett gemeint, dass ihr uns erklären wollt, wie man einen Joint dreht. Aber wir wollen das eigentlich gar nicht wissen, und falls doch, dann ganz bestimmt nicht von euch.

Ich persönlich kenne niemanden, der der jungen Generation unaufgefordert zeigt, wie man einen Joint dreht. Aber man weiß ja nie. Von verantwortungsvollen Eltern kann ich mir das jedenfalls nicht vorstellen.

Es ist ja nicht so, als wollten wir nichts mit euch zu tun haben. Bringt uns gerne bei: Ein amtliches Bœuf Bourguignon zu kochen, den richtigen Wein dazu auszusuchen, Hosen auf die richtige Länge kürzen zu lassen, fließend Altgriechisch zu sprechen.

Das tun wir auch gerne, ihr müßt es nur wollen.

Was wir nicht von euch lernen müssen: Wie jung sein geht.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele junge Leute „älter“ sind als wir. Vielleicht liegt es daran, dass der Leistungsdruck in unserer Welt immer stärker wird und kaum Zeit zum Jungsein läßt. Dann gibt es wieder die anderen Jungen, die ich nicht verstehe. Dort scheint Flatrate-Saufen und Vandalismus im besoffenem Kopf der Inbegriff von Jungend zu sein. Das macht mir Sorgen, den schnell wird der Alkohol zur Sucht.

Dran denken, beim stillvergnügten Schmökern: Wenn fast 50-Jährige über die Jugend von heute schreiben, dann ist das immer so, wie wenn Karl May über Indianer oder Jules Verne über den Erdmittelpunkt schreiben – unterhaltsam, aber weitgehend gelogen.

Ist das immer so? Wenn wir über die Jugend schreiben, so tun wir das aus unserer Sicht und sicher LÜGEN wir nicht. Aber jeder Mensch schreibt grundsätzlich aus seiner eigenen Sicht, eine andere hat er ja nicht.

Erzählt ruhig ab und zu davon, wie das Leben war, damals, als es noch von allem reichlich gab. Aber tut nicht so, als könnte man sich heute noch so benehmen wie damals.

Von allem reichlich gab? Ihr seit in punkto „haben“ die verwöhnte Generation. Vielleicht gab es, als ich jung war, mehr Arbeitsplätze und unsere Chancen waren gut, weil die junge Republik noch im Aufbau begriffen war. Aber wir hatten kein eigenes Zimmer, keine Handys (die Eltern hatten noch nicht einmal Telefon) und so weiter … Wir hatten vieles nicht, was für euch heute so selbstverständlich ist. Benehmen ist keine Frage des Alters oder der Generation.

Redet außerdem bitte nur so viel von eurem eigenen (früheren) Sex, wie es euch selbst von Fremden interessiert. Vor allem, wenn Musik von Pink Floyd und Flokati-Teppiche ins Spiel kommen, wird’s abseitig.

Eigentlich sind wir Deutschen immer noch eine recht prüde Gesellschaft. Ich kenne kaum jemanden, der mit seinen heranwachsenden Kindern ungefragt über Sex und schon einmal gar nicht über den eigenen redet. Ich würde die Eltern, die hier gemeint sind, gerne einmal kennen lernen.

Was noch interessanter wäre als die Geschichten von wilden Festen auf krümeligen Langhaar-Teppichen: Wie führt man eigentlich mit Anstand eine Beziehung?

Das ist doch nicht so schwierig. Die Schmetterlinge im Bauch vergehen recht schnell. Die Grundlage einer guten Beziehung ist gegenseitiger Respekt. Dann bekommt man sogar eine Trennung mit Anstand über die Bühne.

Dass ihr „total verknallt“ seid, so „echt wie mit dreizehn“, freut uns ja. Aber wenn ihr uns jeden Monat eine neue „La Boum“-Geschichte erzählt, wird’s langweilig.

Du lieber Gott, laß mich deine Eltern kennenlernen. Ich bin fassungslos. Ich dachte, dass hier an die ganze Generation 40+ appeliert wird, aber das kann nur die Erfahrung eines einzelnen sein.

Erklärt uns bei Gelegenheit doch mal: Was soll das eigentlich sein, dieses „gefühlte Alter“, von dem ihr dauernd redet? Bedeutet „gefühltes Alter“ wirklich „Ich sehe aus wie 60, bin in Wirklichkeit 40, fühle mich aber wie 20, weswegen ich mich aufführe wie ein Zehnjähriger?“ Wir dachten immer, so etwas nennt man Schizophrenie.

Das ist einfach nur respektlos. Wenn ich mir meine Großmutter auf Bildern anschaue (sie ist mit 58 gestorben, war also jünger als ich heute), so war das eine richtige Oma. Sie war eher, wie die Urgroßmütter heute mit 80. Wir sind heute körperlich einfach viel jünger, als die Generationen vor uns. Das ist mit dem gefühlten Alter gemeint.

Wir glauben übrigens: „Erwachsen sein“ hat nichts mit dem Alter zu tun. Es ist eine Geisteshaltung, die sich daraus ergibt, dass man Erfahrungen nicht nur sammelt, sondern auch daraus lernt. Deswegen kann ein 18-Jähriger auch erwachsener sein als ein 48-Jähriger. Und noch etwas: „Erwachsen werden“ ist nicht gleich „weniger Spaß haben“, es bedeutet, sich zwischen den Späßen weniger elend zu fühlen.

Manche müssen früh erwachsen sein. Wenn man z.B. an die Flüchtlingskinder denkt, die in ihrer Heimat Dinge gesehen haben, die selbst Erwachsene traumatisieren. Oder auch hier in Deutschland gibt es junge Menschen, die schon früh Verantwortung übernehmen müssen. Dann wieder kenne ich 34jährige, deren Leben so dahin dümpelt, die nie Probleme haben, alles bekommen und somit auch nicht erwachsen sind.

Spaß haben kann man in jedem Alter und, glaubt mir, auch wir fühlen uns zwischen den Späßen manchmal elend.

Ja, wir sind alle ein bisschen iPod. Aber: Ein iPod ist ein iPod ist ein Fernseher ist ein Telefon. Ein iPod ist nicht: Der Quastenflosser unserer Generationen.

Ach! Kein Kommentar!

„Klingeltöne und Jugend“ ist ein super Gesprächsthema, allerdings nur für Leute, die Sex zu Pink Floyd-Musik hatten.

Ach ja, ich rede nie über Klingeltöne.

Ihr kennt euch übrigens nicht besser aus als wir mit dem, was ihr „echte Musik“ nennt. Ihr macht nur mehr Geschrei deswegen.

Warum sollten wir uns besser auskennen. „echte Musik“ gabs damals, gibts heute und wird es immer geben. Nicht alles ist gut, aber auch nicht alles ist schlecht.

Wer über Musiker redet, von denen wir dachten, sie seien schon tot, sollte das mit der nötigen Pietät tun. Phil Collins, Mark Knopfler und Peter Gabriel verdienen den gleichen Respekt wie Franz Josef Strauß, Konrad Adenauer und Herbert Wehner.

Wer respektiert sie den nicht? Ihr könnt jetzt nicht wirklich über die ältere Generation sprechen reden. Ihr meint doch euch, oder? Habt sicher ein Witzchen gemacht.

Und wenn ihr schon über elektronische Musik sprecht, dann labert nicht vom Tanzen, wenn ihr selber schon lange nicht mehr tanzen geht. Und schwadroniert nicht vom Niedergang des Tracks. Der lebt schon ordentlich. Nur eben anderswo als ihr.

Also, ich geh heute noch tanzen – mit 60 und mit Mädels ab 29 aufwärts.

Falls ihr doch tanzt: Wir bitten um Haltung auf der Tanzfläche! Denn auf dem Dancefloor gilt: Kraftaufwand, Dynamik und große Posen sollten proportional zum Alter des Tänzers sinken, denn ebenfalls proportional dazu steigt die Peinlichkeit bei zu viel Kraftaufwand, Dynamik und großen Posen.

Wir sind ja schon froh, wenn die junge Generation sich überhaupt noch bewegt und sich vom iphone, ipod und ipad einmal löst. Ich glaube, das ist ein größeres Problem, als ein 50jähriger der auf der Tanzfläche auf John Travolta macht.

Und wenn euch etwas gut gefällt, sagt das ruhig so. Das verstehen wir auch ohne, dass ihr ein pfiffiges „das rockt!“ nachschiebt.

Langsam habe ich den Eindruck, die junge Generation hat ein Abgrenzungsproblem. euch macht zu schaffen, dass der Unterschied zwischen Jung und Alt nicht mehr so groß ist, wie in den 60er oder 70er Jahren.

Dass wir keine Würgegeräusche machen und imaginäre Kalaschnikows bedienen, sobald ein Altachtundsechziger auf der Bildfläche erscheint, liegt gar nicht daran, dass wir immer freundlich und indifferent sind, wie ihr behauptet. Was ihr nämlich auch behauptet: Man müsse einfach die Krätze kriegen, wenn Leute was zu sagen haben, die in ihrer Jugend schrecklich ungekämmt, langweilig fair und dauerbekifft, also einfach uncool, zu irgendwelchen Friedensdemos geschlurft sind. Klar, ihr seid die Scharfzüngigeren, die Lässigeren, die Bekoksteren und Besseraussehenden. Nur: Für uns Jungen kommen Modefragen nicht als Primärhobby in Frage, deswegen hört doch einfach auf zu versuchen, uns in euren immer noch andauernden Kampf gegen die „Scheißhippies“, wie ihr sagt, einzuspannen.

Wer kämpft bitte gegen „Scheißhippies“. Wir waren Hippies und die friedlichsten Menschen auf Gottes Erden und was hat das mit Mode zu tun? Also, diesen Absatz muß mir mal jemand erklären. Da fehlt mir der intellektuelle Zugang.

Nein, wir wollen nicht in eurem Cabrio mitfahren.

Sicher, ihr wollt es selbsr fahren.

Dass ihr in eurer Jugend nicht viel mehr gemacht habt als cool rumzustehen, Musik anzuhören und die richtigen Kleider zu tragen heißt nicht, dass ihr cooler seid als wir. Es heißt nur, dass ihr möglicherweise weniger Dinge hattet, die euch Sorgen gemacht haben.

Ich habe mit 14 angefangen zu arbeiten. In Worten mit VIERZEHN. Heute sehe ich viel mehr junge Leute in den richtigen (nämlich Designer-) Klamotten mit Knopf im Ohr und Bierflasche in der Hand auf der Strasse rumstehen und das macht mir Sorgen.

Bemerkenswerterweise haben wir trotzdem nicht das Gefühl, dass ihr den ganzen Spaß abbekommen habt und wir nur Hartz IV. Wahrscheinlich haben wir nur früher als ihr gelernt, was wirklich wichtig ist im Leben. Apropos: Wie geht’s der Familie?

??? Der junge Mensch, der diesen Artikel geschrieben hat, hat – glaube ich – schwere Probleme. Nochmals, in welcher Familie lebst du?

Schon gut: Hartz IV. Ja, manchmal haben wir Angst vor der Zukunft. Tatsächlich, schon mit 16. Das könnt ihr euch nicht vorstellen, weil ihr zu einer Zeit jung wart, als das Geld ja angeblich aus der Börse rausquoll wie Badeschaum und ihr in der aufkommenden Jugendverehrung so dreist sein konntet, wie ihr wolltet. Heute wird Schülern und Studenten aber täglich gesagt, dass „Verdienen“ in diesen Zeiten wörtlich zu nehmen ist und dass wir auch was bringen müssen, wenn wir etwas bekommen wollen. Halb so wild eigentlich, fällt uns dann ein: Geben wir uns halt ein bisschen Mühe. Aber wenn ihr das nächste Mal über uns herzieht, fragt euch vorher: Sind „Strebertum“ und „Pragmatismus“ wirklich dasselbe?

Wir hatten nicht viel Geld. In meine Ausbildungszeit mußte ich alles Geld abgeben und bekam 20 DM Taschengeld im Monat. „Verdienen“ war zu jeder Zeit wörtlich gemeint, wir bekamen ganz gewiß nichts geschenkt, hatten z.b. eine 44 Stunden Woche und mußten wirklich arbeiten.

Zu versuchen, ein Playboy-Abo von der Steuer abzusetzen, ist übrigens nicht so witzig wie ihr glaubt.

Das finde ich auch.

Und nein, Joschka Fischers Privatleben ist kein Beispiel für lockeren Umgang mit spießigen Moralvorstellungen.

 

Wenn geknutscht werden soll, lasst uns Jungs und Mädchen mal tendenziell in Ruhe. Männer wie Frauen, die ein grundsätzliches Faible für Jungs und Mädchen haben, stimmen uns bisweilen beinah betrübt: Werden wir in eurem Alter auch keine Altergenossen mehr mögen, und uns deswegen an Jüngere mit einem ganz anderen Lebensgefühl dranwanzen? Klingt, naja: einsam.

Nochmal, hier schreibt jemand mit absolut asozialen Erfahrungen innerhalb der Familie. Das kann man doch nicht einer ganzen Generation vorwerfen.

Turnschuhe sind super. Man sollte sie mit über 40 nur nicht zum Anzug, sondern besser beim Joggen tragen. Dann freut sich auch der Körper.

Laßt uns doch tragen, was wir wollen …

Keine „Decaf Latte Frappucinos to go“ mehr bestellen! Stattdessen ganz einfach: einen Kaffee mit Milch zum Mitnehmen, bitte.

… und laßt uns trinken, was wir wollen. Das erwartet ihr doch umgekehrt von uns auch.

Außerdem die folgenden Ausdrücke aus dem aktiven Wortschatz streichen: trendy, kultig, hip, abgespaced, stylish, To-do-Liste.

Das meiste sind doch keine Jungendworten, sondern einfach nur eingedeutschtes Englisch. Laßt uns doch reden, wie wir wollen….

Ihr findet uns indifferent. Ihr findet es unglaublich, dass wir Jungen uns nicht längst aufgeteilt haben in die Stildiktatoren und die anderen, die sie höchstens bewundern dürfen; dass Indierocker und Hiphopper sich nicht grundsätzlich schneiden. Ihr vergesst, dass die Individualitäts-Chips in uns mittlerweile viel leistungsfähiger und schneller sind als eure und macht noch weiter: Wie wenig uns aufregt, findet ihr unfassbar – so, wie ihr fast alles „unfassbar“ findet. Ihr habt unfassbar gut aussehende Freunde und jede Woche das neue Album, das irgendwas neu erfindet, irre irre irre! Puh. Wisst ihr – wir haben gerade eine Achtstundenschicht Kellnern hinter uns, ab dem Wintersemester müssen wir nämlich Studiengebühren zahlen. Für popideologische Grabenkämpfe fehlt uns die Zeit, Kraft und Lust. Kämpft ihr aber mal ruhig weiter, nur seid dabei bitte nicht so laut.

Wir arbeiten auch und nicht nur 2 Stunden am Tag. In meiner Jungend mußte man auch Studiengebühren zahlen und Bafög gab es noch nicht. Arbeiterkinder hatten dadurch so gut wie keine Chance zu studieren.

Ihr seit schon eine „unfassbar“ arme Generation. Ich schicke eine Portion Mitleid.

 

Falls ihr es doch nicht mitbekommen habt: Das Internet brodelt. Jeder darf seine Meinung sagen, jeder muss sich dafür beschimpfen lassen, jeder kann sich quasi jede Information besorgen. Schaut euch das mal im Netz an und entscheidet dann, ob wir tatsächlich keine Meinung und keine Haltung haben.

Nur wird man heute anonym beschimpft. Wir mußten uns unsere Meinung noch ins Gesicht sagen und dazu stehen.

Einigen wir uns darauf: Wir sind die Alleswisser, die es gewohnt sind zu diskutieren; ihr seid die Besserwisser, die es gewohnt sind zu bestimmen.

Wenn du meinst….

35 Mesdames et Messieurs, wollen wir uns nicht einfach siezen?

Nein!

Zum Teil habe ich bei der Lektüre gehofft, es ist Satire. Nun bin ich vielleicht nicht so ganz die Elterngeneration. Aber 40jährige auch nicht wirklich, die werden heute meist in dem Alter erst Eltern.

Ein bißchen gegenseitiger Respekt und schon klappt alles viel besser. Liebe „Jungen“, wenn euch etwas an uns stört, sprecht mit uns und wir diskutieren darüber, denn das seit ihr ja gewohnt.

 

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