Die Freiheit alleine zu sein

Nach meiner Scheidung, damals Anfang der 80er Jahre, war ich fast 7 Jahre Single. Täglich ging ich ins Büro und nach Feierabend und an den Wochenenden konnte ich machen, was ich wollte.

Schon mit zwanzig war ich verheiratet und hatte unmerklich meine Freiheit verloren. Unmerklich, weil jung und direkt aus dem Elternhaus kommend, kannte ich wirkliche Freiheit – die junge Frauen heute so selbstverständlich haben -, ja überhaupt nicht.

Mein erster Mann war ein Macho, sehr beherrschend und ohne ihn auszugehen war undenkbar. Das war aber in den 70er Jahren der Normalzustand. So frei, wie die Jugend sich das heute rückblickend vorstellt, waren wir nicht.

Also genoß ich nach meiner Scheidung meine neu gewonnene Freiheit ausgiebig. Mitte der 80er lernte ich dann den Mann kennen, der dann doch wieder etwas „ernstes“ war. 1986 zogen wir zusammen und 3 Jahre später waren wir verheiratet. Wir führten eine gute, wirkliche Partnerschaft. Alleine mit Freundinnen oder Schwester ausgehen war eine Selbstverständlichkeit. Als er dann gut 10 Jahre später, bedingt durch seine COPD-Erkrankung, immer unfiter und schwächer wurde, waren diese Freiheiten wieder stark eingeschränkt. Ich lebte sozusagen sein Leben und nicht mehr meines. Nicht das er mich nicht hätte gehen lassen; nein, aber mich plagte ständig das schlechte Gewissen ihn einfach alleine zu lassen. Mittlerweile hatte ich mich als Webdesignerin selbstständig gemacht und arbeitete zu Hause. So waren wir von nun an 24 Stunden am Tag zusammen. Die Mädelsabende beschränkten sich auf drei- bis vier Male im Jahr.

Nun ist er seit 7 Monaten tot und ich muß mich erst wieder daran gewöhnen, frei entscheiden zu können. In den letzten Wochen stelle ich immer mehr fest, dass ich wieder Lust bekomme Termine zu machen und nicht nur mit meinen Mädels etwas zu unternehmen, sondern auch neue Menschen kennenzulernen. Ich beginne mich auf das Leben zu freuen das vor mir liegt und auf die Freiheit tun und lassen zu können, was immer ich möchte.

Witwe zu werden muß nicht zwangsläufig in Einsamkeit enden. Mir wurde Optimismus und die Fähigkeit loslassen zu können in die Wiege gelegt. Das war in meinem Leben, das vollgepackt war mit Schicksalsschlägen und viel zu frühen Verlusten, immer sehr hilfreich. Die Welt da draußen ist zwar nicht immer schön, aber aufregend und spannend. Wer weiß, was da alles noch so kommt.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Die Welt da draußen ist wirklich immer aufregend und sehr spannend. Ich habe mich 2014 von meinem Mann scheiden lassen, 27 Jahre waren wir verheiratet. Mein Ex Mann ist auch ein Macho, es war zwar kein Problem für mich alleine mit meinen Freundinnen etwas zu unternehmen, allerdings war es meistens ein Problem mit ihm gemeinsam etwas zu unternehmen. Oft hat er wegen Kleinigkeiten herumgenörgelt, seine Sturheit hat viele Freundschaften zerstört.
    Jetzt genieße ich meine Freiheit in vollen Zügen. Die Kinder sind groß und außer Haus und ich kann machen was ich will 🙂 Es ist wirklich ein befreiendes, schönes Gefühl.

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