Die wilden 60er – Umbruch ganz privat und um mich herum

Bei der Recherche zu den 60er Jahre Beiträgen wurde mir sehr bewußt, wie lange ich eigentlich schon auf dieser Welt bin. Ich kenne noch alle Nachkriegspäpste von Pius XXII bis Franziskus, alle Bundespräsidenten von Heuss bis Steinmeier und alle Bundeskanzler von Adenauer bis Merkel. Diese Liste ließe sich endlos fortführen, aber ich will euch nicht unnötig langweilen.

Ereignisse, die ich in folge aufführe, haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind die, die ich selbst erinnere, weil sie mich zu der jeweiligen Zeit beeindruckt haben.

1960

Der erste große Umbruch in meinem Leben fand im Herbst 1960 statt. Ich wurde eingeschult und es begann „der Ernst des Lebens“ wie meine Eltern sagten. Darüber habe ich ja bereits ausführlich berichtet. Im gleichen Jahr traten die Beatles zum ersten Mal in Hamburg auf. Berichte über die Auftritte im Fernsehen kommentierte meine Mutter ausführlich. Die Drohung:“Wenn du dich jemals so benimmst, wie die jungen Leute bei diesem Konzert,“ – sie kreischten und heulten – „bekommst du einen Eimer Wasser über den Kopf“, beeindruckte mich nicht wirklich. Ich fand diese neue Musik, im Gegensatz zu den Schlagern und Operetten, die meine Mutter immer hörte“ sehr aufregend. Schon allein, dass die Eltern sie nicht mochten, machte das Ganze interessant. Die Beatles mit ihren Frisuren, die so anders waren, als die unserer Väter, beeindruckten mich sehr und ich verliebte mich ein wenig in Paul McCartney.

1961

In Berlin wurde die Mauer gebaut. Die allgemeine Aufregung war groß und die eine oder andere Träne floß. Das wir in Ostdeutschland niemanden kannten, spielte dabei keine große Rolle. Fortan wurde Weihnachten immer eine Kerze ins Fenster gestellt. Ein Symbol dafür, dass wir an unsere Schwestern und Brüder „drüben“ dachten. In diese Zeit fiel auch der Eichmann-Prozeß in Jerusalem. Ich erinnere mich an einen großen Glaskasten in dem ein unscheinbarer Mann saß und ich spürte die beklemmende und traurige Stimmung, auch wenn ich nicht wußte, um was es eigentlich ging.

1962

Meldungen über Schüsse und mißlungene Fluchtversuche aus der DDR sind schon fast Routine. Am 17. August wurde Peter Fechter an der Berliner Mauer erschossen. Den 50minütigen Todeskampf verfolgt die ganze Welt.  Die Bild titelt am nächsten Tag: „Vopos ließen 18-Jährigen verbluten – Amis sahen zu.“ In den Tagen darauf eskalieren die Proteste, Polizisten aus Westberlin schützen die Mauer vor Demonstranten. Es fliegen Steine, gegen die Polizei, dann wird die Mauer von West-Beamten mit Stacheldraht großräumig abgeriegelt. Alle Proteste nützen nichts, es werden noch viel zu viele Menschen an der Mauer oder auf der Flucht ihr Leben lassen. Diese Nachrichten und Bilder haben sich fest eingebrannt in meine Kinderseele.

Dann erinnere ich mich an Bilder von Adenauer in Frankreich und von De Gaulle in Deutschland. Die beiden Länder schließen nach dem Krieg wieder Freundschaft. Ein Grund zu Freude, jedoch überschattet von der Kuba-Krise. Meine Eltern sprachen immer wieder davon, dass es wieder Krieg geben könnte. Obwohl ich nicht wirklich wußte, was Krieg ist, machte es mir große Angst und damit war ich wohl nicht die Einzige.

1963

Anfang 63 besuchte John F. Kennedy Deutschland und alle Frauen waren schockverliebt. Ich erinnere mich gut, dass, als er im November erschossen wurde, die Nachricht wie ein Lauffeuer durch unsere Nachbarschaft ging. Die Frauen weinten und alle waren tieftraurig. In Deutshcland war er der beliebteste amerikanische Präsident aller Zeiten.

In diesem Jahr flog die erste Frau ins All, aber irgendwie erinnere ich mich nur an den Affen in der Rakete. Das war einiges früher, hat sich aber in meine Erinnerung mehr festgesetzt. Das Weltall war schon in meiner frühen Kindheit sehr faszinierend für mich. Als ab 1966 die Serie Raumpatrouille im Fernsehen lief, verpaßte ich keine Folge. Noch neute bin ich absoluter Science ficton Fan. Ich spann herum, wie meine Mutter meinte. Ich stand auf dem Balkon, schaute in die Sterne und stellte mir vor, welch spannende Welten es dort in der Ferne wohl gab. Überhaupt gab es zur damaligen Zeit sehr viel Wissenschafts- und auch Astronomiesendungen, die ich schon früh gerne schaute. Auch wurde jeder Raketenstart live im Fernsehen übertragen. Heute erfährt man nur noch am Rande davon.

Ein zweites Ereigenisse beherrschte das Jahr. Das war das Grubenunglück von Lengede. Ich erinnere mich an wochenlange Berichterstattung, an Bohrungen und an die Rettung von Bergleuten – an „das Wunder von Lengede'“.

1964/65

Cassius Clay wird überraschend Boxweltmeister. Für mich der beste Boxer aller Zeiten. Da er meist in Amerika kämpfte, wurden diese zu nachtschlafender Zeit im Fernsehen übertragen. Mein Papa weckte mich immer und wir schauten zusammen. Ich habe es geliebt. In diesem Jahr begann die USA mit dem Bombenkrieg in Vietnam. Die Studenten, auch in Köln, gingen aus Protest auf die Straßen. Die ersten italienischen Gastarbeiter zogen in unsere Nachbarschaft. Das war gleichzeitig meine erste Berührung mit der großen, weiten Welt.

Diese Zeiten hätten auch für mich eine große Veränderung bringen können, denn es wurden die Weichen für den Besuch der Real- oder Höheren Schule gelegt. Trotz Empfehlung meiner LehrerInnen entschieden sich meine Eltern dagegen. Argument meines Vaters: „Du bist hübsch, du heiratest ja sowieso“. Er wußte es halt nicht besser.

Der Film „Das Schweigen“ kam in die Kinos und war, wegen seiner Offenheit, ein Skandal. Meine Eltern schauten ihn sich zusammen mit Freunden im Kino an und meine Mutter war entsetzt. Die Zeiten waren so entsetzlich prüde. Sieht man den Film heute, verstehen wir die Aufregung überhaupt nicht mehr. Trotzdem läutete der Film irgendwie die sexuelle Revolution ein.

1966/67

Am Rosenmontag 1966 wurde meine Schwester Marion geboren. Hatte ich mir lange ein Geschwister gewünscht, kam es jetzt doch sehr spät. Immerhin war ich schon elfeinhalb Jahre alt. Trotzdem liebte ich Marion; sie war so klein und zart als sie aus dem Krankenhaus zu uns nach Hause kam. Daraus entwickelte sich relativ kurze Zeit später eine Art Haßliebe. Meine Mutter war wohl schon mit der bloßen Versorgung des Kindes überfordert oder hatte einfach keine Lust, sich mit ihr zu beschäftigen. Also mußte ich, sobald ich das Haus verließ um Freunde zu treffen, „das Kind“, wie meine Mutter sagte, mitnehmen. Und das nicht ab und zu, sondern immer. Auch mußte ich um acht Uhr mit meiner Schwester ins Bett, weil sie ohne mich nicht schlief.

Die Jahre 66 und 67 waren von Vietnam-Demos und Kulturrevolution in china geprägt. In dieser Zeit wurde auch mein politisches Bewußtsein geweckt. Bei einer dieser Demonstrationen wurde Benno Ohnesorg erschossen. Bilder, die ich nie vergessen habe. In der Folge werden aus den Demonstrationen Revolten. Kaum eine Demo ging mehr gewaltlos vorbei. Die RAF betritt die Bildfläche und der Wiederstand gegen die verstaubte und verlogene Obrigkeit wächst immer mehr.

Noch zu jung um wirklich dabei zu sein, übertrug sich diese Revolte im Kleinen auch auf mich. In diesen Jahre mußte ich auch um alles kämpfen, denn das Meiste war für die Eltern neu und wurde somit verboten. Diese Kämpfe gingen auch nicht gewaltlos vorbei, wie ich bereits in meinen vorherigen Posts zum Thema schrieb.

1969

Neil Amstrong lief zum ersten Mal über den Mond und die Welt saß gebannt vor den Bildschirmen und schaute zu. Im Herbst des Jahres begann ich meine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, die nächste große Änderung in meinem Leben.

 

In der nächsten Woche folgt das letzte Kapitel der kleinen Reihe „Die wilden 60er“. Ich beschäftige mich dann mit Musik und Mode dieser Zeit, erzähle euch, was ich getragen habe und welche Musik ich hörte.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin, danke für diese schöne Reise in die Vergangenheit! Ich bin auch Baujahr 54 und beim Lesen kommen viele Erinnerungen hoch die lange verschüttet waren. Stimmt, wir haben schon eine Menge hinter uns – und hoffenlich noch viel Schönes vor uns. Ganz herzliche Grüsse

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  2. Liebe Karin,
    ich bin auch „schockverliebt“ in deine Ausführungen. Alles steht wieder
    ganz klar vor meinen Augen, auch wenn ich schon älter bin.
    Brandt war unser Leitbild – und Kennedy sowieso.
    Ich freue mich schon auf das nächste Mal.
    Die wilden 60-ger haben wir alle miterlebt. Und die Mao-Bibel wurde auch
    gelesen.
    Einen schönen Wochenteiler wünscht dir
    Irmi

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