Die wilden 60er und was ich so mit meiner Freizeit anfing

Als Kinder haben wir unsere Zeit noch zum größten Teil draußen verbacht. Wenn ich von der Schule kam wurde gegessen. Meist gab es etwas aufgewärmtes vom Vortag oder einfach nur Kartoffeln mit Butter oder Pudding. Wenn Vater in der Woche unterwegs war, gab es irgendwie kein richtiges Essen. Später, als er nicht mehr Fernfahrer war und abends nach Hause kam, wurde dann richtig gegessen.

Nach dem Mittagessen mußte ich zuerst einmal Hausaufgaben machen, sonst war nichts mit spielen. Meine Mutter hörte den ganzen Tag Musik. Für die damalige Zeit hatten wir relativ viele Singles (Schallplatten) Ein kleiner Plattenladen war ganz in unserer Nähe. Eine Single kostete 5 DM, was nicht gerade billig war, wenn man bedenkt das ein ganzes Brot 50 Pfg und 1 Brötchen 2 bzw. 3 Pfg kostete. Zu meiner Kinderzeit hörten wir vorwiegend Operetten und Schlager. Das hatte zur Folge, dass ich fast alle Operetten kenne und diese und die Schlager der damaligen Zeit mitsingen kann. Ein paar Märchenplatten hatte ich auch, die ich ebenfalls alle auswendig konnte. Sie waren nämlich meine Beschäftigung bei schlechtem Wetter. Bücher hatte ich nur ganz wenige, denn sie waren sehr teuer.

Das Fernsehprogramm ging erst gegen 17 Uhr los mit der Kinderstunde. Einmal in der Woche kaufte Mutti mir ein Micky Maus Heft, die ich sammelte. Es gab noch keine Computer, kein Internet und keine Handys, wir hatten in den 60ern noch nicht einmal ein Telefon.

Draußen spielten wir Seilchen springen, Hüppekästchen und Gummitwist oder liefen Rollschuh. Wir lebten in der Kölner Innenstadt, die damals immer noch viele Trümmergrundstücke beherbergte. Es gab noch Kopfsteinplaster überall, was das Rollschuhlaufen ziemlich holprig machte. So schlug ich mir auch oft die Knie auf. Meine Mutter ging dann einfach mit dem Waschlappen darüber, pustete einmal („wird alles wieder gut“) Pflaster drauf, fertig. Mit den Neubauten kamen dann auch die Kopfsteinpflaster weg und wurde durch größere und glattere Steine ersetzt. Ein Traum für uns Kinder, wir konnten endlich mit Rollschuhen anständig laufen und auch kleine Kunststücke einüben.

In unserem Haus gab es einige Kinder in meinem Alter. Wir durften, wenn wir nich zu laut waren, auch im Hausflur spielen. Da wir auf der letzten Etage (4. Stock) wohnten, konnten wir den Aufgang zum Speicher herrlich nutzen. Wir bauten uns Zelte aus Betttüchern als Hausersatz und spielten Mutter und Kind. Am späten Nachmittag dann durfte ich das Kinderprogramm sehen und anschließend noch das Intermezzo, das heutige Werbefernsehen in den ersten und zweiten Programmen. Das alles war noch in Schwarz/Weiß. Farbfernsehen gab es erst Mitte der 60er Jahre. Allerdings gab es noch nicht so viele Filme in Farbe, deshalb dauerte es noch bis zum Ende des Jahrzehnts bis die Welt wirklich farbig wurde.

Mein Lieblingstag war der Sonntag, denn da war mein Papa zu Hause. Oft zogen wir uns den ganzen Tag nicht an und spielten im Schlafanzug Karten oder Monopoly. Das war einfach herrlich.

Anfang 1965, mit erst zehneinhalb Jahre, bekam ich meine erste Menstruation – ein Schock für meine Eltern. Ab da war ich auch ein „Pupertier“ und aus einem sehr lieben Kind, wurde ein aufmüpfiges junges Mädchen. Ende des 7. Schuljahres wäre ich in der Schule beinahe sitzengeblieben, weil mich alles andere mehr interessierte, als der Unterricht. Ich habe mich dann aber auf den Hosenboden gesetzt und kam doch noch glatt durch die Schulzeit.

Meinen ersten Freund hatte ich mit 12 Jahren – kein Sex, nur Knutschen. Er hieß Helmut Schwarz und war ein Schulkamerad, womit man uns beide wohl als frühreif bezeichnen konnte. Zu Hause wurde es zunehmend schwierig. Nicht nur wegen meinem pupertären Verhalten, sondern auch weil die Ehe meiner Eltern immer schlechter wurde. Inzwischen hatte mein Vater seinen ersten Herzinfarkt und durfte nicht mehr als Fernfahrer arbeiten. War er früher die ganze Woche nicht zu Hause, war er nun jeden Abend da. Durch das plötzliche, intensivere Zusammenleben kam immer mehr zu Tage, dass die beiden nicht wirklich zusammen paßten. Es gab immer häufiger schlimmen Streit und ich fühlte mich überhaupt nicht mehr wohl da mittendrin. Auch für mich gab es immer öfter Schläge, wenn ich aus der Reihe tanzte und das tat ich immer häufiger.

Im Herbst 1968, mit 14 Jahren, begann ich meine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Ich mußte zwar das meiste Lehrgeld zu Hause abgeben, aber zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein bißchen Geld für mich. So etwas wie Taschengeld gab es bei uns nicht. Mit acht/neun Jahren habe ich öfters einen kleinen Jungen aus der Nachbarschaft verwahrt. Die Eltern hatten eine kleine Buchbinderei in unserer Straße und waren froh, wenn ich ihr Kind beschäftigte. Dafür gab es eine Mark pro Tag. Hört sich wenig an, war aber für mich ein kleines Vermögen. Davon kaufte ich mir Hefte, Blöckchen oder Tierpostkarten. Hefte und Blöckchen und überhaupt schöne Dinge aus Papier liebe ich heute noch.

Ich hatte also Ende der Sechziger endlich ein wenig Geld für mich. Um die Ecke, auf der Luxemburger Straße, gab es die Diskothek „Big Apple“, die ich nun oft besuchte. Durch meine „Frühreife“ sah ich älter aus und hatte keine Probleme hereingelassen zu werden. Meine Eltern kannten solche Lokale nicht, waren sie doch eine Erfindung meiner Generation. Sie hielten sie für dunkle Lasterhöhlen in denen „Gottweißwas“ passierte. Um sie zu beruhien, nahm ich meine Mutter einmal mit dorthin. Meine Freunde waren sehr nett zu ihr, forderten sie sogar zum Tanzen auf, was sie dann einigermaßen beruhigte.Was sie nicht bemerkte waren die Drogenabhängigen, von denen es dort einige gab. Hätte sie das gesehen, hätte ich sicher nicht mehr dorthin gedurft. Ich selbst hatte immer einen starken Überlebenswillen und habe keine Drogen angefaßt.

Beim Tanzen vergaß ich oft die Zeit, was zu Hause wieder Prügel oder Hausarrest zur Folge hatte. Das und den ewigen Krach meiner Eltern hielt ich irgendwann nicht mehr aus und haute von zu Hause ab. Das aber war mit 16 und fällt in die 70er Jahre, von denen ich euch ein andermal erzähle.

Die Straße, in der wir lebten gehört zum Studentviertel Kölns. Hiervon, vom Beginn des gesellschaftlichen Umbruchs und wie ich mich dabei fühlte, erfahrt ihr in der nächsten Woche.

 

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin,
    das war eine wirklich tolle Erzählung aus deinem Leben. Ich kann mir so richtig vorstellen wie das damals so war; das Rollschuh fahren, die Schallplatten, das fernsehn usw. Die Zeiten waren einfacher, aber sehr schön. Ich bin leider erst viel später geboren, hatte also ein ganz andere Zeit durchgemacht (80er und 90er). Trotz allem lese ich sehr gerne auf deinem Blog, er steckt einfach so voller Lebenserfahrung. Manchmal zum schmunzeln, manchmal läuft mir aber auch eine Träne herunter. Einfach toll, wirklich. Werde jetzt noch etwas auf deinem Blog herum stöbern. 🙂
    Ganze viele Liebe Grüße
    Judith

    Antworten

    • Liebe Judith,
      ich freue mich immer, wenn auch jüngere Frauen meinen Blog lesen und wünsche dir viel Spaß beim Stöbern. Die 80er und 90er werde ich auch noch behandeln, allerdings aus einem ganz anderen Blickwinkel – natürlicherweise.
      Bis bald
      Karin

  2. Liebe Karin,
    dieser Post spricht mich an. Ich plaudere auch manchmal über die vergangene Zeit.
    Ich verbrachte meine Jugend noch etwa 20 Jahre früher. Da gab es weder Rollschuhe noch sonst etwas. Fernsehen war ein Fremdwort. Dafür hatte ich einige Bücher von meinen großen Brüdern. so entwickelte ich mich zur „Leseratte“.
    Einen angenehmen Wochenteiler wünscht dir
    Irmi

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