Die wilden 60er: Was ich hörte, was ich trug

Minirock und Astronautenmützen

Meine Mutter kannte ich als kleines Mädchen zu Hause nur mit Kittel. Sobald sie das Haus verließ, war sie elegant und schick, trug Kleider oder Kostüme. Sie war gelernte Damenschneiderin und nähte auch mir schöne Kleidchen – das Mini-Abbild von ihr. Allerdings hörte sie irgendwann mit dem Nähen auf. Als ich dann Teenager war, wäre ich dankbar für schöne selbstgenähte Kleider gewesen.

In meiner Kinderzeit wurde unterschieden zwischen Sonntags- und Alltagskleidung. Frau trägt heute am Wochenende eher legere Kleidung, machten wir uns damals fein. Anfang der 60er begann die Jugend sich abzugrenzen. Eines Tages, ich muß so 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein, sah ich in einem Modegeschäft den ersten Oben-Ohne-Badeanzug. Es hatten sich Menschentrauben vor der Auslage gebildet. Die Menschen diskutierten lautstark und waren entsetzt ob der Schamlosigkeit. Marry Quant kreierte den Minirock und die Strumpfhose wurde erfunden, ohne die das Tragen eines Minirockes bei kühleren Temperaturen nicht möglich gewesen wäre. Ich traute mich aber noch nicht so wirklich und ließ meine Mutter die Röcke und Kleider nicht kürzen. Mit meinen 1,56 m gingen mir die Klamotten bis zu den Knien. Erst mit ungefähr 14 Jahren konnten mir mit einemmal die Röcke nicht kurz genug sein. Etwa zur gleichen Zeit fingen wir Mädels an auch Hosen zu tragen. Modern waren Cordhosen mit Rosenmuster oder Stoffhosen in knalligen Farben. Sie waren knalleng mit Schlag und wir Mädchen trugen gerne ein Minikleid darüber. Beides könnten wir heute wieder tragen und es würde nicht auffallen. Die Farben wurden immer kräftiger und die Muster immer wilder. Das galt nicht nur für die Kleidung, sondern auch für Tapeten und Wohnaccessoires. Bei den Frisuren wurde noch viel toupiert. Im Gegensatz zur Kleidung waren sie noch ziemlich steif.

1967, im „Summer of Love“, schwappte die Hippie-Bewegung aus Amerika auch zu uns über und es entstand eine sehr individuelle Anti-Mode. Heute würden wir den Modestil „Grün“ nennen. Es wurde selbstgenäht, gefärbt, gebatikt und gestrickt. Zu dieser Kleidung trugen wir bunten oder von den Indianern inspirierten Schmuck, den ich mir selbst bastelte und teilweise auch verkaufte. Es gab aber nicht nur Hippies, deren Stil ich mochte. Zum Entsetzen der älteren Generation gab es noch die Gammler, die immer ungepflegt aussahen und es wahrscheinlich auch waren. Sie lungerten herum und gingen aus Protest keinerlei Tätigkeit nach. Mods, Rocker und Beatfans hatten ebenfalls ihren eigenen Stil.

Auf die Minimode folgte Midi  (bis zu den Waden) und Maxi (bis zu den Knöcheln). Ich erinnere mich, ich hatte einen wunderschönen Knautschlackmantel in Weiß mit Kunstfell, weiße Knautschlack-Schnürstiefel und eine Astronautenmütze aus weißem Kunstfell. Ich fand mich bildschön und sah irgendwie aus wie ein Schneemann. Leider gibt es aus dieser Zeit überhaupt keine Bilder von mir. Irgendwie hat niemand damals fotografiert.

Ihren Höhepunkt fand die Hippiebewegung 1969 mit dem Festival in Woodstock. Ich glaube, zu keiner Zeit hat sich die Jugend so frei gefühlt wie danmals und meine Freundinnen und ich waren ein bißchen neidisch, weil wir nicht dabei sein konnten. Dafür waren wir leider ein paar Jährchen zu jung. Ab diesem Jahr wurde die Hippiemode immer mehr kommerzialisiert, was gleichzeitig ihr Ende bedeutete.

Schlager, Beat und Rock’nRoll

War mein Geschmack in den Kinderjahren noch von der Musik meiner Mutter geprägt, so fing ich mit etwa 12 Jahren an, meinen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Hörte ich Anfang der 60er noch Schlager wie: „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ von Lolita oder „Ein Schiff wird kommen“ von Frau Valente. Die neue Musik faszinierte mich und so war mein erstes eigenes Lieblingslied „Pretty Woman“ von Roy Orbison. Jahrzehnte später sollte dieses Lied zu neuem Ruhm gelangen, – als Titelmusik des gleichnamigen Films. Apropos Film: Ab 1966 prägte der Film „Dr. Schiwago“ auch die Musik. Der Film lief ganze 4 Jahre in Köln in einem Kino, heute unvorstellbar. „Laras Theme“, die Filmmusik, war ebenfalls jahrelang in den Charts. In diesem Jahr sang auch Roy Black „Ganz in Weiß“. Dieses Lied hörte ich am 21. Februar, nachdem mein Vater mich nachts geweckt, weil er meine Mutter ins Krankenhaus bringen mußte. Meine Schwester wurde geboren. Dieser Tag ist nun für immer mit dem Lied verbunden. Lieder unseres Lebens halt.

In meinem Zimmer hingen Poster von Barry Gibb, Barry Ryan und Ricky Shane, weil ich sie soooo süß fand. Die Bee Gees waren, zusammen mit den Beatles, meine Lieblingsband. Zu Songs wie Massachusetts, Word, Michelle und Yesterday träumte ich vor mich hin. Sie Rollings Stones fand ich schrecklich – das änderte sich allerdings einige Jahre später.  Ricky Shane sprengte alle Ketten und wir wollten es ihm gleichtun. Graham Bonney sang von seinem „Supergirl“ und ich träumte, dass ich es wäre. Songs wie „Young Girl“ oder „Honey“ trieben mir die Tränen in die Augen. Später wurde wild getanzt zur Musik von Manfred Mann, The Who, The Kinks und, und …. Die Liste würde endlos werden.

Was für Songs, was für eine Zeit.

Im Juni lest ihr von den 70ern, die immer noch wild waren und vom Erwachsenwerden.

 

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Die Miniröcke wurden ja immer heiß diskutiert. Im Normalfall habe ich mir meinen Rock im Treppenhaus am Bund umgeschlagen. Lieber eine Stoffwurst um den Bauch, als einen zu langen Rock!
    Hosen – das ging ja gar nicht! Schon gar nicht Jeans und erst recht nicht am Sonntag, weil man da in die Kirche ging.
    Es ist schlimm, welche Fronten es damals hat geben müssen. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind.
    LG Sabienes
    Sabiene kürzlich veröffentlicht…Haben Frauen in Asien keine Beschwerden in den Wechseljahren?My Profile

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