Ein seltsames Gefühl von Schuld

Obwohl ich nach dem Tod meines Mannes wieder mitten im Leben stehe und mit Spaß und Freude an alles herangehe, nagt etwas in mir. Wie meine Leser wissen, war mein Mann fast 8 Jahre schwer an COPD erkrankt und wir beide wussten, dass wir nicht mehr so viel gmeinsame Zeit haben würden. Als dann die Krebsdiagnose kam ging alles sehr schnell. In dieser Zeit habe ich etwas seltsames an mir festgestellt. Etwas, dass ich bis heute nicht wirklich einordnen kann.

In der langen Zeit seiner Krankheit hatte ich mich innerlich bereits von ihm verabschiedet, mich irgendwie distanziert. Wie konnte das sein? Er war doch bis zum Schluß meine große Liebe – keine Frage -, aber irgendwie habe ich die Trauer über seine Krankheit immer weniger an mich herangelassen. In der Nacht bevor mein Mann starb, habe ich ihm gesagt, dass er nun gehen kann, dass alles in Ordnung ist. Dies auszusprechen tat mir nicht weh, im Gegenteil, es war eine Art Erlösung.

Heute frage ich mich oft, was da mit mir los war. Oft habe ich Schuldgefühle, weil ich ihn nicht halten wollte. Andererseits glaube ich, dass meine Psysche mich mit diesem Distanzieren vor dem Zusammenbruch geschützt hat. Schließlich habe ich alles getan was mir möglich war, hatte ihn bis zum Schluss bei mir zu Hause gehabt, auch wenn ich am Rand meiner körperlichen Kraft war.

Nun habe ich vor kurzem gehört, dass es auch anderen Frauen in meiner Situation (sogar Prominenten) so ergangen ist und diese Tatsache erleichtert mich sehr. Es war also keine Gefühlskälte, keine Gleichgültigkeit von mir, sondern eine Art Selbstschutz. Das ist auch der Grund warum ich diese Gefühle mit euch teile. Ich möchte anderen Frauen in der gleichen Situation sagen, dass es nicht unnormal und überhaupt kein Grund für Schuldgefühle ist, so zu empfinden. Wir leben weiter und sind trotzdem traurig über den Verlust, den wir erlitten haben. Lediglich unsere Psysche hat uns geholfen, das alles durchzuhalten.

Kommentare (14) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin,
    meine Empfindung: einen geliebten Menschen in seiner Krankheit zu begleiten ist selbstverständlich. Ihn jedoch auch gehen zu lassen und ihm dies mit zu teilen, zeigt menschliche Größe.

    Danke, dass Du Deine Erfahrungen und Gefühle mit uns teilst.

    Herzliche Grüsse,
    Kathrin

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  2. Liebe Karin, ich bin über das Facebook Forum auf deinen Artikel gestoßen. Weißt du, ich glaube, dass es für viele Menschen, die sterben, sogar eine wirkliche Erleichterung ist, wenn ihre angehörigen ihnen sagen, dass es okay ist, wenn sie gehen. Von dem her denke ich, dass du in Wahrheit doppelt keine Schuldgefühle haben musst – auch wenn das leichter gesagt als getan ist.
    Alles Liebe aus Wien,
    Paleica

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    • Danke für deine netten Worte. Es sind halt oft seltsame Gedanken, die man sich macht und gegen die ich dann auch nichts tun kann, obwohl mein Verstand mir sagt: Es ist alles o.k.

  3. Liebe Karin,
    vielen Dank für deine offenen Worte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll außer fühl dich ganz fest gedrückt.
    Liebe Grüße
    Renate

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  4. Ach Karin, das kommt mir bekannt vor. Ich habe zum Schluss nur noch nach oben gerufen: lass es endlich zu Ende sein. Ich hab verdrängt. Lieber Zeit mit meinen Kindern verbracht, ein Hauch Normalität des Alltags, als das elende langsame Sterben, die Veränderung des Menschen 24 Stunden mit ansehen zu müssen. Immer mit schlechtem Gewissen. Wenn ich meine 4 Teenager nicht gehabt hätte damals, ich weiss nicht, wie ich das überstanden hätte. Das Leid, der körperliche Verfall, und das eigentliche Sterben, ich fand es grauenhaft. Selbstschutz, das ist glaube ich die Natur der Dinge. Ein schlechtes Gewissen habe ich, wenn ich wochenlang nicht am Grab war. Der Platz bedeutet mir nichts, nur eine Erinnerung an das ungerechte Schicksal. Mein Mann war seit dem Tag der Krebs-Diagnose nicht mehr er selber, ich habe mir damals genau wie du schon früh gefühlsmäßig distanziert, aber trotzdem dauernd geheult. Vor Angst, vor Zorn. Heute kommt mir das alles unwirklich vor, man kann es theoretisch alles nicht erfassen, sondern der Körper und die Seele entwickeln in solchen Extremsituationen eine Schutzfunktion, das denke ich jedenfalls.

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    • Ja liebe Barbara. Das hört sich sehr ähnlich an. Nur ich war während Bernds Krankheit die meiste Zeit mit allem allein. Ab und zu hatte ich meine Schwester, die aber auch ihr eigenes Leben hat. Sein Sohn hat sich garnicht gekümmert und ist erst gekommen, nachdem meine Schwester ihm eindringlich klar gemacht hat, dass ein Besuch der wahrscheinlich letzte sein würde. Er war dann 2 x für jeweils 1 Stunde da und das wars. Ich hab mich schon ziemlich allein gelassen gefühlt.
      Dieses unwirkliche Gefühl habe ich auch zum Teil heute noch. Mir kommt es vor, als schaue ich von ganz weit weg auf das Ganze, dabei ist es erst 9 Monate her.

  5. Liebe Karin,
    Danke für Dein Teilen.
    Du konntest ihn gehen lassen, weil Du ihn geliebt und alles für ihn getan hast. Der Tod kann auch Erlösung sein.
    Du bist eine wunderbare, starke Frau. Er würde sicher auch wollen, dass Du Dein Leben genießt, ganz ohne Schuldgefühle.
    Alles Liebe Dir,
    Sabine

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  6. Liebe Karin,

    das ist eine Art Selbstschutz. Ihr habt 8 Jahre lang gewusst, dass die Zeit endlich ist und Bernd niemals 80 werden wird. So schlimm es ist, aber das ist eine lange Strecke, um sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden. Man kann nicht über einen so langen Zeitraum traurig sein, denn das Leben muss weiter gelebt werden und das ist auch gut so.

    Als dann alles anders kam, war es eine Erleichterung und da ich dabei war, kann ich auch beurteilen, warum das so war. Weil das Häufchen Elend, das von deinem geliebten Mann übrig geblieben war, mit ihm nichts mehr zu tun hatte und er niemals in diesem Zustand hätte länger leben wollen. Denn es war kein Leben mehr.

    Bernds Ansprüche waren nicht hoch. Er wollte „wohnen“, etwas mit dir arbeiten, für dich kochen, ab und an sein Bierchen trinken, draußen in eurem Garten sitzen, mit dem Kater schmusen oder etwas Schönes im Fernsehen sehen. Nichts davon war mehr möglich. Es war nur noch Quälerei, die dann (das muss ich leider sagen) Gottseidank schnell ein Ende fand.

    Du warst sein ganzes Glück und immer für ihn da. In den guten und auch den vielen nicht so guten Zeiten. Hast ihn gehalten und beschützt bis zu seinen letzten Minuten. Es war oft alles andere als leicht, aber du bist geblieben. Als einziger Mensch bist du immer für ihn da gewesen. Es gibt keinen, absolut keinen einzigen Grund für dich nach diesen vielen schweren Jahren, Schuldgefühle zu haben. Jetzt bist du mal dran, auch dein Leben ist endlich und solange du gesund und fidel bist, hast du jedes Recht der Welt, jetzt eine gute Zeit zu haben.

    Hab dich lieb :*

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  7. Liebe Karin,
    ganz anderes Genre und trotzdem einer toller Satz über Trauer – in einem Krimi: “ Trauer ist wie das Gehen über dünnes Eis. Manchmal kann man ein Stück laufen und dann bricht man plötzlich wieder ein …“

    Und ja, weil das alles so weh tut, fängt unsere Seele an, sich zu schützen …
    Auch von Herzen viel Mut,
    Ulrike

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  8. Liebe Karin,
    danke für deine Offenheit. ja, lasse die Schuldgefühle frei, sie können gehen. Ich persönlich sehe das so; die Seele deines Mannes hat sich diese Krankheit kreiert (unser aller Seelen tun das, solange wir leben) und so heisst es, annehmen was ist. Alles hat uns was zu sagen und hat seinen Sinn! Auch eine Krebserkrankung. Ich habe auch eine und habe sofort den Sinn darin erkannt. Schuldgefühle hindern uns am Leben und niemand hat Schuld – diese Schuldgefühle hat die kath. Kirche ins Leben gerufen, sie sind alt…Du hast sicher getan was du konntest und hast gelernt los zu lassen. Alles Liebe dir und geniesse jeden Tag deines Lebens! ohne Schuldgefühle, mache ich endlich auch so!
    von Herzen viel Sonne Monika
    Monika kürzlich veröffentlicht…Liebster Award:My Profile

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    • Danke für deine lieben Worte. Ich glaube an Schicksal und das alles seinen Sinn hat. Darin sind wir uns sehr ähnlich. Ganz Liebe Grüße Karin

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