Fragen an Gitta zur Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren

Gitta ist seit einigen Jahren eine liebe Freundin. Leider sehen wir uns wegen der großen räumlichen Entfernung nicht so oft.

Gitta ist 62 Jahre alt, (verheiratet?) verwitwet und hat 2 Kinder. Sie wohnt in Baden Württemberg und bezeichnet sich selbst als selbstständige Rentnerin.

Was sind deine schönsten Kindheitserinnerungen?

Wenn ich mit meinem Vater auf dem Motorrad mit fahren durfte und das Spielen in Wald und Flur.

Was hast du weniger gut in Erinnerung?

Ständige Prügel.

Wie wurde dein Geburtstag gefeiert und wie hast du Familienfeste erlebt?

Ich kann mich an keinen einzigen Geburtstag erinnern…. Familienfeste mochte ich nicht, ich hab mich als Kind versteckt, wenn Leute da waren.

Wie waren deine Eltern? Waren sie modern oder altmodisch?

Mein Vater war eher in der Mitte angesiedelt, meine Mutter war und ist altmodisch

Welcher Mensch war in deiner Kindheit am wichtigsten für dich und warum?

Zunächst meine Oma als ganz kleines Kind, da ich zeitweise bei ihr gelebt habe. Danach eher mein Vater, er hat uns erzogen, hat mit mir gelernt, hat mir Musikunterricht bezahlt, hat geprügelt und mich zu einem anständigen Menschen gemacht, was er eben darunter verstand: Achtung, Respekt und Fleiß.

Wie war das Verhältnis deiner Eltern zueinander?

Weiß ich nicht, mein Vater war ein Despot, meine Mutter ohne Willen und Durchsetzungsvermögen, aber auch ohne Interessen.

Spielte Religion eine große Rolle in deiner Familie?

 Nein.

Welche Werte haben dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben?

Anstand, Achtung, Respekt, aber auch Angst. Den Zwang, immer die Beste zu sein. Musikalität, Wissbegier, Liebe zu Büchern und zur Mathematik, zur Malerei (alles zu 99% von meinem Vater).

Hattest du Geschwister und wie war euer Verhältnis zueinander?

Ja, 5 Geschwister. Ich habe eine Schwester, die eineinhalb Jahre nach mir geboren wurde, zu ihr habe ich viel Kontakt, zu den anderen eher über Facebook oder gar nicht. Da ich schon mit 17 Jahren auswärts zum Arbeiten ging, 600 km weg ungefähr, habe ich wenig mitbekommen wie sie herangewachsen sind.

Wo bist du aufgewachsen?

Bis zum 10. Lebensjahr auf dem Dorf, danach in der Stadt.

Welche Spiele hattest du am liebsten und wo habt ihr gespielt?

Wir haben auf dem Feld gespielt mit den Strohgarben usw… Ansonsten ist alles aus dem Gedächtnis gelöscht, da habe ich wenig Erinnerungen. Außer die Erinnerung an einen Nachbarn, der uns betatschte. Zudem musste ich immer auf meine Geschwister aufpassen und im Haushalt helfen, spielen war da nicht mehr drin.

Hattest du eine beste Freundin und habt ihr heute noch Kontakt?

Ich hatte eine beste Freundin, sie ist mit 15 Jahren gestorben.

Gab es schwierige Situationen oder Schicksalsschläge in deiner Familie und wie wurde damit umgegangen?

Für mich zählt nur der Tod meiner Freundin, danach und davor nichts. Umgegangen damit wurde gar nicht, meine Mutter sagte: „Weißt du schon, die Annemarie?“ …und ich hab mich umgedreht, die Tür zu meinem Zimmer zugemacht und die zu meinem Herzen auch! Und ja, selbstverständlich wusste ich es, ich war mehr bei ihr zu Hause als bei uns. Ihre Mutter kam damals gleich zu mir.

Wurde offen über Gefühle gesprochen?

Nein, ich hätte und habe auch verweigert, habe nicht mehr gesprochen, wenn mich etwas belastete oder wenn man Antworten forderte, da kam von mir nichts mehr, kein Wort.

Hattest du noch Großeltern und hast du sie oft gesehen?

Ja, hatte ich. Ich liebte meine Großmütter sehr, sah sie aber selten nach dem Umzug in die Stadt.

Bist du gerne zur Schule gegangen und wie waren deine Lehrer?

Am Anfang, als ich in die Schule kam, war ich 5 Jahre alt und Linkshänderin. Ich bekam Ohrfeigen, damit ich Schreiben mit der rechten Hand lernte. Später in der Stadt hatte ich eine Lehrerin, die mochte ich sehr gerne. Aber allgemein stand in jedem Zeugnis, dass ich zwar alles wusste, aber freiwillig nichts sagte, nur wenn man mich fragte. Dementsprechend hieß es dann: keine Mitarbeit.

Wie hast du deine Pubertät erlebt? Warst du aufgeklärt?

Nein, nicht aufgeklärt. Meine Mutter – glaube ich mal – hatte mal ein Gespräch versucht, aber ich kann mich daran nicht erinnern, es war nie wichtig, was sie sagte.

Wie war der Umgang deiner Eltern mit Sexualität?

Puritaner. Verklemmt. Nichts sagen, nichts sehen, nichts wissen.

Gab es in deiner Jugend besondere Menschen oder Gruppen zu denen du gerne gehört hättest oder zu denen du gehört hast?

Es gab nur die Bibliothek, das war für mich mein Leben.

Welche Auffassung vom Leben hattest du damals?

Keine, ich lebte in meinen Büchern und zeichnete viel.

Wie waren deine Zukunftsträume, was wolltest du im Leben erreichen?

Nichts, nur Freiheit haben.

Wie sahst du als junges Mädchen aus und was war gerade Mode?

Blumenkinder, kurze Kleider. Verbote dafür und Verbote für Schminke.

Welche Musik hast du gehört?

Rolling Stones, Janis Joplin, aber auch Adamo.

Wo waren die wichtigsten Treffpunkte, wohin bist du ausgegangen?

Nirgends. Zuhause, Arbeit.

Wann musstest du zu Hause sein?

Ich durfte bis 17/18 gar nirgends hin. Ich war ein Püppchen im Glaskasten, behütet und bewacht.

Was sind deine schlimmsten und was deine schönsten Erinnerungen an diese Zeit?

Der Tod war für mich die schlimmste Erfahrung und damit das Verlassen werden. Die schönsten Erinnerungen ? Mit 12 das Motorradfahren lernen.

Liebe Gitta, vielen Dank für diesen ersten Teil und deine Offenheit. Der 2. Teil „Beruf, Partnerschaft und Familie“ erscheint am kommenden Sonntag.

Gitta wollte anonym bleiben, deshalb gibt es auch keine Bilder. Diese Anonymität sichere ich jeder Frau zu, wenn gewünscht.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Hey, das finde ich aber sehr interessant!
    …auch wenn es nicht so positiv ist, mich stimmt es ebenfalls nachdenklich.
    Ich denke, die jungen Menschen heute wissen gar nicht, wie gut sie es haben!

    Antworten

    • Ja liebe Sabine, das ging mir genau so. Manche von uns sind streng, aber einige auch extrem streng erzogen worden. Vor allen Dingen war die Prügelstrafe in der Gesellschaft traurigerweise eine akzeptierte Erziehungsmaßnahme.

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