Lebenslinien: 1974 – Ich wollte dann mal verheiratet sein

Hochzeit 1974

1974 ist das Jahr meiner ersten Heirat. Helmut, mein erster Ehemann, und ich kannten uns solange ich denken kann.

Meine Eltern hatten in Köln-Bilderstöckchen bei den Eltern meines Vaters gewohnt. Es gab in den 50er Jahren – so kurz nach dem Krieg – nur wenig Wohnraum. Trümmer der zerbombten Häuser waren in meiner Kindheit noch allgegenwärtig. 1958, ich war vier Jahre alt, bekamen wir eine Neubauwohnung in der Kölner Innenstadt (Kyffhäuserstrasse, dem heutigen Studentenviertel) vom Wohnungsamt zugewiesen. Helmut wohnte mit seinen Eltern im Haus schräg gegenüber und war zu diesem Zeitpunkt fünf.

Als wir beide Jugendliche waren, konnte ich ihn eigentlich nicht sonderlich leiden. Später haben wir uns dann einige Male getroffen, gingen aus und verliebten uns ineinander. Als ich 19 war beschlossen wir zusammen zu ziehen. Das war kein einfaches Unterfangen als unverheiratetes Paar eine Wohnung zu bekommen. Auch die Tatsache, dass wir damals erst mit 21 volljährig wurden, war der Sache nicht unbedingt förderlich. Nach langem Suchen bekamen wir dann doch eine schicke Neubauwohnung im Kölner Vorort Meschenich. Wir zogen in einen damals absolut hippen Wohnpark mit insgesamt 7 kleineren und grösseren Hochhäusern. In der fünften Etage hatten wir freien Blick auf die Voreifel. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie stolz und glücklich wir waren. Der damaligen Mode entsprechend kauften wir uns schwarze Anbaumöbel. Die vorherrschenden Farben drumherum waren Orange und Grün.

Auch die Buchung unseres ersten gemeinsamen Urlaubs in Spanien gestaltete sich schwierig. Nicht alle Hotels waren bereit einem unverheirateten Paar ein Doppelzimmer zu vermieten. In diesem Land war es zu dieser Zeit sogar verboten, sich öffentlich zu küssen. Obwohl wir bereits die 70er Jahre schrieben, war die Zeit prüde wie eh und je.

Am 30. Dezember 1974 heirateten wir dann. Bis heute weiss ich nicht mit Sicherheit, ob ich aus Liebe geheiratet habe oder ob ich einfach verheiratet sein wollte. Allerdings waren in dieser Zeit Eheschliessung in so jungen Jahren keine Seltenheit.

Wir verlebten die obligatorischen „guten und schlechten Zeiten“ miteinander. Es war die große Zeit von John Travolta und den Bee Gees. Helmut war ein toller Tänzer und wir verbrachten fast jedes Wochenende in der Disco und wir bauten ein Haus auf das wir beide sehr stolz waren. Leider hatte ich mit Helmut einen Mann geheiratet, der mit allem fremdging, was einen Rock an hatte oder an haben könnte. Er war der totale Macho und verbot mir u.a. die Emma (damals frisch auf den Markt gebrachte Zeitschrift von Alice Schwarzer) zu lesen. Ich hätte ja übermütig werden können. Arbeiten und Geldverdienen durfte ich, denn das Geld wurde ja für die Abtragung unseres Hauses benötigt. Nach wenigen Jahren ging mein Selbstbewußtsein gegen Null.  Mit der Zeit überwogen die schlechten Dinge die Guten und so ließ ich mich dann nach nur 7 Jahren Ehe scheiden. Es war eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.

Was 1974 sonst noch passierte

  • Die Vornamen des Jahres sind: Nicole, Tanja, Stefanie, Christian, Stefan, Andreas.
  • In Westdeutschland wird das infolge der Ölkrise eingeführte Tempolimit wieder aufgehoben.
  • Die Verkehrssünderdatei in Flensburg wird eingeführt.
  • Unser Bundespräsident Walter Scheel singt „Hoch auf dem gelben Wagen“.
  • Es gibt die ersten Playmobolfiguren zu kaufen.
  • Ein Liter Normalbenzin kostet 83,3 Pfennig (ca. 42 Cent).
  • Ein Maß Bier auf dem Oktoberfest kostet 3,20 DM – 3,50 DM (ca. 1,80 €).
  • Der VW Golf I wird in Serie produziert.
  • 11 Prozent Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst.
  • Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn wird aus der Sowjetunion ausgewiesen und nach Frankfurt/ Main ausgeflogen.
  • Der Atomwaffensperrvertrag wird vom Bundestag ratifiziert.
  • 11% mehr Lohn für die Beschäftigten der Metallindustrie – heute undenkbar.
  • Das Römisch-Germanische Museum wird in Köln eröffnet.
  • Einigung über die Einrichtung ständiger Vertretungen in Bonn und Ostberlin.
  • Ende der Ölkrise. Das fünfmonatige Öl-Embargo der OPEC-Nationen gegen die USA, Japan, die Bundesrepublik und andere europäische Staaten endet.
  • Der Bundestag beschließt, das Alter für Volljährigkeit von 21 auf 18 zu senken.
  • Abba aus Schweden gewinnt den Grand Prix de la Chanson mit dem Titel „Waterloo“.
  • Spion im Bundeskanzleramt: Günter Guillaume, der persönlicher Referent von Bundeskanzler Willy Brandt, wird als Spion der DDR enttarnt und festgenommen.
  • Erhard Eppler, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, tritt aus Protest gegen Haushaltskürzungen bei der Entwicklungshilfe zurück. Sein Nachfolger wird Egon Bahr.
  • Das Wichtigste überhaupt: Deutschland wird Fußball-Weltmeister durch einen 2:1 Finalsieg gegen Holland.
  • US-Präsident Richard Nixon tritt im Rahmen der Watergate-Affäre zurück. Gerald R. Ford wird neuer US-Präsident.
  • Die Deutsche Krebshilfe wird auf Initiative der deutschen Präsidentengattin Mildred Scheel gegründet.
  • Hans-Dietrich Genscher wird als Nachfolger von Walter Scheel zum FDP-Vorsitzenden gewählt.
  • Der schwedische Möbelkonzern Ikea eröffnet in Eching bei München seine erste Filiale in der Bundesrepublik.
  • Bundeskanzler Helmut Schmidt trifft sich in Moskau mit Leonid Breschnew zu einen Gespräch unter vier Augen.
  • Der neue Elbtunnel wird in Hamburg eröffnet.

Das Ganze hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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