Mein Kink gehört mir!

„Relax, Alice!“, möchte man Alice Schwarzer zurufen, wenn sie wieder einmal gegen SM-Sex wettert und Frauen mit masochistischen Vorlieben „Kollaboration mit dem Feind“ vorwirft. Permanente Anfeindung ist zumindest Grund genug, diese ganz besondere Form von Sexualität einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

In den letzten Jahren hat sich für die Lust an Dominanz und Unterwerfung, Schmerz und Lust, Fessel- und Disziplinspielchen der politisch hochkorrekte Begriff BDSM (Bondage/Discipline/Dominance/Submission/Sadism/Masochism) durchgesetzt. BDSM als strukturierte Welt mit speziellem Vokabular und klaren Regeln versteht sich als Gegenentwurf zur vom Großteil der Menschheit praktizierten Sexualität. Dabei sind BDSMler oftmals genauso harsch wie Alice, verteidigen ihre Community, grenzen sich ab und haben Coming-outs, als müsse man heutzutage tatsächlich noch für seine „Andersartigkeit“ kämpfen. Ich bevorzuge deshalb den Begriff „Kink“. Jedem sein Kink! Jedem Tierchen sein Pläsierchen! Kink ist freier, lässt jedem die Wahl, den Begriff zu besetzen, wie es ihm beliebt. Es ist „das Ding“ der liberalen, spielerischen, offenen, keinem Zwang unterworfenen Sexualität. Deshalb: „Mein Kink gehört mir!“

Hier und heute also ein Plädoyer für Entspannung! Genießt eure Lust am Ausgefallenen, seid neugierig und begebt euch auf einen Trip in das Unbekannte!

Wer es wagt, in unerforschte Gefilde vorzustoßen, wird bereichert und erfüllt von seiner Reise zurückkehren. Zunächst gilt es natürlich, Vorurteile über Bord zu werfen und sich ganz auf die eigene Sinnlichkeit zu konzentrieren. Schmerz und Sinnlichkeit? Schließt sich das nicht von vornherein aus? Schon dringt ein rebellischer Aufschrei durch den Äther. Forscht man jedoch ganz tief in seinem Inneren, findet sicher jede von uns ein Erlebnis, das trotz seiner Ungewöhnlichkeit eine erregende Wirkung hatte.

Mit Schaudern denke ich an Kindheitserlebnisse, deren Reiz im Verbotenen und der fremdartigen Empfindung lag. Märchen sind voll von sinnlich-schmerzvoller Erregung. Andersens Seejungfrau, nicht erkannt von ihrem Liebsten, leidet Höllenqualen aus selbstloser Liebe. Jeder Schritt auf irdenem Boden schmerzt wie tausend Nadeln. Das Wasser ist ihr Element, Feuer ihre innere Glut, verdammt wird sie zur Ewigkeit als ätherischer Luftgeist, verschmäht vom ewig Geliebten. In den „Wilden Schwänen“, Andersen war ein Meister masochistischer Fiktion, kann Elisa ihre in Schwäne verwandelten Brüder nur durch Verzicht und Qual erlösen. Stechende Brennnesseln bricht sie mit bloßen Füßen und flicht mit schmerzenden, von Blasen übersäten Händen Hemden aus brennendem Flachs.

Doch nicht nur Fiktion befeuerte meine Sehnsucht nach Lustschmerz und Unterwerfung. Auf dem Weg zum Kindergarten quoll ein Busch gezackter Brennnesseln aus einer Ecke. Taubnesseln versteckten sich hinter dichtem, hoch gewachsenem Gras. Ich führte die weißen, tropfenförmigen Blüten an meine Lippen und sog den süßen Saft bis aufs letzte Tröpfchen aus. Ein scharfer, stechender Schmerz durchzuckte mich, als meine Hand eine Nessel streifte. Verwundert, kaum erschreckt und merkwürdig erregt, betrachtete ich den geröteten Handrücken.

Die Augen fest zusammengekniffen, watete ich in in das feurige Meer aus Brennnesseln. Prasselndes Feuer, stechende Glut peitschten meine blanken Arme, die nackten Schenkel und den entblößten Bauch. Die Spitzen der Brennhaarköpfchen brachen, unsichtbares Sekret entleerte sich auf meiner Haut, ließ rote, flüssigkeitsgefüllte Quaddeln quellen. Erlösung suchend wälzte ich mich im kühlen Gras, das scharfe Brennen köstlich abklingend.

Lange habe natürlich auch ich mich gefragt nach der Normalität meines Empfindens, nach Angeborenem und Erworbenem, habe mich auf Spurensuche begeben und beidem, A und E, Pfunde in die Waagschale geworfen, bis ich es als der Mühe nicht wert befand, sogar für Lust und Liebe hinderlich erklärte.

Statt Sexualität en permanence analysieren und verstehen zu wollen, sollten wir unseren Grips für die Erweiterung unserer sexuellen Spielarten einsetzen, unserer Fantasie einfach freien Lauf lassen. Das Wissen um biologische Determination von Dominanz und Unterwerfung oder gesellschaftliche Bedingtheit verschafft uns jedenfalls keine Kicks! Sich hineinzubegeben in verschiedene Leben, ein braves Nönnchen zu spielen, mit Zöpfchen und Kniestrümpfen in der Ecke stehen zu müssen oder ganz einfach übers Knie gelegt zu werden, prickelt da schon mehr. Die Lust am Spiel, an der Verkleidung, an multiplen Leben ist das Wesen des Kink. Wenn wir versteckt in einem Hinterhof unsere Spielchen treiben, mit ein klein wenig Risiko, ertappt zu werden, mit Rosebuds im Restaurant sitzen, nur er unser Lust-Ei steuern kann, sind wir uns fremd und vertraut zugleich.

Sich Kink hinzugeben, heißt Grenzüberschreitung, Eroberung, Rausch, Ekstase und führt zu einer gigantischen Erweiterung unseres Lustspektrums.

Letztendlich bedeutet Kink wahre Freiheit und Liebe: Wenn man sich freiwillig im Spiel unterordnet, einem Menschen, dem man voll und ganz vertraut, wenn Lust und Schmerz verschmelzen, entledigt man sich der vertrackten Erwartungen, der ewigen Diskussionen um Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung.

Und wer jetzt noch einen Song zur Ermutigung braucht, der höre sich einfach The Crystals an: „He hit me and it felt like a kiss…“

Für alle Neugierigen, Wagemutigen, Spieler und Verspielten empfehle ich meinen Blog: www.coeurdumal.com

Viel Spaß!

Theresa S. Grunwald

Vielen Dank liebe Theresa für diesen wundervollen und aufregenden Gastbeitrag.

Meine Eltern haben Masochismus, Sadismus und Co. noch als „pervers“ empfunden. Viele meiner Generation sehen das heute noch so. Schade eigentlich, denn haben nicht gerade wir in unserer Jugend für freie Sexualität und gegen falsche Prüderie gekämpft? Ich finde, all das was Menschen einvernehmlich miteinander tun und zu dem niemand gezwungen wird, kann nicht pervers sein.

Für alle, die nicht genug bekommen können: Im März erscheint bei Cupido Books Theresas Buch „Bändigung des Biestes – Kinky Stories“ mit einem tollen Cover der Hamburger Künstlerin Sherin l’Artiste.

 

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Endlich mal ein Artikel, der auch eine reifere Leserschaft interessiert!
    Übrigens: Mit 66 ist noch lange nicht Schluß!
    Herzliche Grüße
    Ursula

    Antworten

  2. Liebe Karin,
    mit Fingerspitzengefühl führst du in unbekannte Gefilde ein und kommentierst sachkundig aktuelle, frauenrelevante Themen. Kompliment!
    Ich danke dir, dass du mir die Gelegenheit gegeben hast, spannende Spielarten der Sexualität vorzustellen!
    Liebe Grüße
    T.S.

    Antworten

    • Aber gerne doch liebe Theresa. Viele meiner Altersgenossen sind prüde erzogen worden (ich übrigens auch, bei mir ist das aber nicht haften geblieben) und möchten gerne neues ausprobieren, trauen sich aber nicht. Ich möchte einfach Mut machen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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