Mein Poesiealbum

Eigentlich stimmt der Titel nicht ganz, ich hatte nämlich drei Poesiealben. Im Laufe meines Lebens sind allerdings zwei davon verschwunden. Nur das Jüngste, dass ich zu meinem 11. Geburtstag am 18. September 1965 von meiner Patentante geschenkt bekam, existiert noch. Meine Tante überreichte mit das Buch mit einem ersten Eintrag.

„Sage nie, das kann ich nicht.
Vieles kannst du, wills die Pflicht.
Alles kannst du, wills die Liebe,
darum dich im Schwersten übe.
Sage nie, das kann ich nicht.“

Ich weiß nicht wirklich, ob die heutige Kindergeneration so etwas noch kennt oder besitzt. In meiner Kindheit hatte jedes Mädchen ein Album – es gehörte einfach dazu. SchulkameradInnen und FreundInnen hinterließen hier mehr oder weniger ordentlich ihre Sprüche, verziert mit durchgepausten  Zeichnungen oder Glanzbildern (gibts die noch?). Auch die Erwachsenen, Eltern, Verwandte, Lehrer usw., verewigten sich. Die hinterlassenen Weisheiten sollten uns fürs Leben wappnen. Ein gutes und schönes Beispiel ist das Gesicht, das meine Mutter mir schrieb.

„Ehe du in deinem Leben
fest auf einen Menschen baust,
schau mit Vorsicht ihm entgegen,
eh du dich ihm anvertraust.
Schau ihm tief und fest ins Auge,
ob auch offen ist sein Blick.
Denn des Menschen Worte trügen,
doch das Auge kann es nicht.“

Allerdings mußte ich mein Leben selber leben, meine Erfahrungen selber machen und geholfen haben die Sprüche dabei wenig. Trotzdem lese ich sie auch heute immer wieder gerne. Wie war das denn bei euch?

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich (Jahrgang 1960) bekam mein Poesiealbum 1970, also fast im selben Alter. Diese Übergangszeit vom Kind zum Teenager scheint üblich gewesen zu sein. Haben eigentlich Jungen auch ein Poesiealbum gehabt? Ist mir nicht in Erinnerung geblieben.
    Nachdem dieses Album Jahrzehnte bei meinen Eltern herum gammelte, habe ich es anlässlich der 35jährigen Schulentlassung an mich genommen u. nehme es ab u. an zur Hand.
    Meine Art der Handhabung lässt darauf schließen, dass die Sprüche mich nicht beeinflusst oder geleitet haben.
    Im Nachhinein stellen sich für mich einige Sprüche als intuitive Leitlinie heraus, die meisten allerdings sind fromme Wünsche.

    P.S.: Glanzbilder gibt es tatsächlich noch im gut sortierten Papierwaren-Handel.

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