Offener Brief von Gitta

Wie ihr ja sicher schon gelesen habt, sind mein Mann und ich im Moment in der schlimmsten Phase unseres Lebens angekommen und ich habe mich entschlossen, einige Gefühle und Erinnerungen mit euch zu teilen.

Von einer lieben Freundin, die auch schon einen Teil ihres Lebens in der Fragebogen-Aktion „Kindheit und Jugend“  und „Beruf, Partnerschaft, Familie“ mit uns geteilt hat, erhielt ich einen offenen Brief. Diesen Brief hat sie zur Veröffentlichung freigegeben:

Liebe Sweety, meine liebe Karin,

ich möchte nicht glauben, was du da denkst und empfindest, weil ich es nicht ertragen kann.

Du schreibst von den kleinen Erinnerungen die jetzt auftauchen, wo unser Schätzeken so krank ist und immer schwächer wird….. Dabei fallen mir viele viele Dinge ein, die wir erlebt haben…wir, mein Wolf und ich.

Nein, es wird nicht leichter wenn man darüber spricht oder nachdenkt oder darüber schreibt.

Bei einigen vielleicht, aber ich bin wohl nicht der passende Typ. Glaubst du, dass ich mich an jede seiner Gesten erinnern kann? An alles was er zu mir sagte? An alles was wir erlebten?

Kein einziger Tag in diesen vergangenen 5 Jahren hat etwas leichter gemacht, hat mir Vergessen gebracht.

Wenn ich an Frankfurt denke, wo wir zusammen lebten, wenn ich auf Facebook etwas über Frankfurt lese oder Bilder sehe, bekomme ich so schreckliches Heimweh und ein solches Verlangen, wieder dort zu sein und unser Leben noch einmal zu leben.

Und ich kann nicht hin fahren…habe es einmal getan, bin unseren Weg zu unserer Wohnung gefahren und hatte danach einen totalen Zusammenbruch und nur noch das Verlangen auch zu sterben.

Vieles was damals war, vieles das eigentlich so deutlich auf sein „gehen“ hindeutete, habe ich einfach negiert. Ich habe ihn nicht zugelassen, den Gedanken, dass er mich verlassen könnte.

Heute noch spüre ich seine Hand, die er mir an den Hals gelegt hatte, das letzte Mal, dass er den Arm hochbrachte. Ich höre seine Stimme und ich ertrage ihn nicht, den Gedanken: Nie wieder.

Jedes Wort das er mir jemals schrieb habe ich behalten und lese es und stürze in einen schwarzen Abgrund, aus dem ich nicht mehr raus komme.

 

Es gibt einen Film, ich habe ihn zwar, aber ich konnte ihn noch nicht anschauen, bring es einfach noch nicht fertig. Aber das Buch habe ich gelesen: „Das Leben ist ein mieser Verräter“ von John Green, eigentlich ein Jugendbuch. Dieses Buch ist die Wahrheit.

 

Ich habe nach Wolfs Tod jeden Computer durchsucht, jedes Mail und jeden Schnipsel, auf der Suche nach einem “ Ich liebe dich“ von ihm für mich. Ich habe jeden Anrufbeantworter, jedes Handy oder Telefon abgehört, nur um etwas zu finden, wo ich seine Stimme hören kann. Ich habe seinen Geruch gesucht, ich habe ein T-Shirt von ihm unter meinem Kopfkissen…immer noch….immer noch… Ja und so ist dieses Buch und dieser Film und auch mein Leben.

 

Dein Mann war damals und ist immer noch mein bester Freund. Er war für mich da, er war der Einzige der mich jemals weinen hörte, der mir erzählte, dass Wolf dort oben am gedeckten Kaffeetisch auf ihn und auf mich wartet. Geduld hatte er für mich ohne Ende. Und du Karin,  hattest sie auch.

 

Ich würde auch gerne fähig sein, zu erklären wie sich Schmerz anfühlt. Nicht körperlicher Schmerz, der ist wirklich die kleinste Übung und ich weiß von was ich spreche. Nein, ich meine diesen Schmerz den man im Herzen trägt, die Psyche, dieser Schmerz läßt einen zusammenkrümmen, er ist dermaßen unerträglich, dass man fast nicht mehr weiterleben kann und mag. Es gibt da so einen alten Spruch: „aus der Haut fahren“. Nein, es ist nicht so dass man das denkt und zornig wird oder dergleichen. Das muss man wirklich erlebt haben, und ich glaube dass es wenige gibt, die das wirklich und wahrhaftig erlebten.

Wenn der Kopf aussetzt und nur noch das Gefühl da ist, ich muss da raus….von so weit innen kommt das und man kann es nicht steuern und es ist unerträglich….. Schmerz ist ein Tier, das in einem drin steckt und uns langsam aber sicher auf frißt. Lange Zeit unbemerkt von allen, denn er fängt innen an uns aufzufressen. Bis es jemand merkt, ist es zu spät.

 

Zwischendurch habe ich auch versucht normal zu leben, wieder raus zu kommen und weiter zu machen, aber es geht nicht. Der Sinn…ja, der Sinn des Lebens ist mit ihm für mich gegangen.

 

Was würde Bernd jetzt mit mir schimpfen…ich habe weiter zu leben , weiter zu machen und weiter zu glauben dass es noch ein Leben gibt – aber warum auch?

Das Leben das ich noch zulassen kann, spielt sich in meinen 4 Wänden ab, ich habe die Menschen aus meinem Leben verbannt. Habe auch viele zurück gestoßen, gehe nicht ans Telefon …

 

Erinnerungen? Alles was uns bleibt……

Das war er…mein Geliebter… mein Herz… mein Mann…meine Liebe: „Ich kann es Dir gar nicht beschreiben, wie sehr mich Deine Erscheinung, Haut, Geruch, Sommersprossen, Leberflecken, Tattoos und, und, und Dein Wesen nachhaltig so beeindruckt haben. Ich bin verliebt, möchte Deine Haut atmen, Deine Haare riechen, jaa, mit dem Zigarettenrauchanteil, den ich bin süchtig nach dir“

Dieses Lied hat Zucchero für seinen Freund geschrieben der an Krebs gestorben ist….

Dieses Stück ist ein Liebeslied, ein zutiefst emotionales Liebeslied.

Ein Song, der für all diejenigen geschrieben ist, die einen Menschen vermissen, der nicht mehr unter uns weilt.

https://www.youtube.com/watch?v=zuQUcZrck8M

Liebe Karin….eine Bitte an dich, denn ich ertrage es nicht mehr:

https://www.youtube.com/watch?v=SGowTyUzND8

Liebe Karin, das kannst du auf deinem Blog verwenden, aber ich muss es jetzt schnell weg schicken, bevor ich es  mir wieder anders überlege. Der Brief hat mich einige Stunden  und Tränen gekostet.

Bitte umarme Bernd von mir und sag ihm, dass ich mich einfach nur aus dem Grund so selten gemeldet habe die letzte Zeit, weil ich einfach am Ende bin , mich immer weiter zurückgezogen habe von allen Menschen

Aber ich hab euch Beide lieb

Sunny (Gitta)

Liebe Sunny, auch wenn mich dein Brief nicht getröstet, sondern eher traurig gemacht hat, so danke ich dir dafür, dass du mich und jetzt auch meine Leserinnen so tief in deine Seele blicken läßt. Trotzdem glaube ich fest daran, dass das Leben auch schön ist und du es mit all seinen Facetten leben solltest. Auch dein Wolf, mit dem dir leider nur eine viel zu kurze Zeit vergönnt war, hätte das sicher so gewollt.

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