Sonntagsfragen an Christine Radomsky

Christine Radomsky ist Sinn-Coach für Lebenserfahrene – unsere Generation halt. Sie sagt über sich:

„Mich begeistert lebenslange Entwicklung – besonders für Menschen kurz vor und jenseits der „Regelaltersgrenze“. Geboren wurde ich 1952. Hier ein paar Stationen aus meinem bunten Berufsleben: Physikerin, IT-Expertin, Teamleiterin in Technik-Konzernen, Trainerin für Selbstführung und Coach. Ich bin verheiratet, Mutter zweier erwachsener Söhne und Großmutter eines kleinen wilden Fußballfans.“

Liebe Christine:

Wenn Du ans Älterwerden denkst, was ist für Dich das Schönste, was das Schlimmste daran und was macht Dir am meisten Angst?

Mir gefällt am Älterwerden vor allem die größere Gelassenheit und Souveränität. Vielleicht auch die Chance auf Weisheit. Heute gelingt mir besser als mit dreißig oder vierzig, nach eigenen Werten zu leben. Mich auf das zu besinnen, was wesentlich ist in meinem Leben. Die Erwartungen anderer an mich bedeuten mir nicht mehr so viel. Früher rotierte ich zeitweise im Hamsterrad, weil mir Leistung in Beruf und Familie sehr wichtig waren. Jetzt kann ich öfter den Augenblick genießen. Den Anblick eines Tautropfens, in dem sich das Sonnenlicht bricht. Den Flow beim Blog-Schreiben oder das Zusammensein mit lieben Menschen.

Das Schlimmste am Älterwerden vieler Menschen ist „vorauseilende Resignation“. Viele bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, weil sie die alten Muster über das Alter verinnerlicht haben und sich nur noch wenig zutrauen. Paradox, denn unsere Generation hat Glück. Wir können auf viel mehr gesunde und aktive Jahre hoffen als die Generationen vor uns. Die Neuro- und Biowissenschaftler haben entdeckt, dass Gehirn und Körper unglaublich plastisch sind. Auch in höheren Jahren. Wie Du Dein Gehirn nutzt, so entwickelt es sich. Ältere Menschen, die wissbegierig, sozial vernetzt und aktiv sind, und „Couch-Potatos“ genießen eine sehr unterschiedliche Lebensqualität.

Wie gut, dass wir unsere Glaubenssätze über das Alter selbst gestalten können. Orientiert sich unser Altersbild eher an Defiziten oder an Potenzialen? Glauben wir daran, dass wir auch als Ältere Neues lernen und gestalten können? Manchmal erlebe ich im Coaching hautnah mit, wie sich ein Mensch von einschränkenden Glaubenssätzen und Handlungsmustern befreit. Ein großer Augenblick.

Heute in Mitteleuropa alt zu werden, ist für mich ein Privileg und eine große Chance. Mir liegt am Herzen, meine Fähigkeiten und Lebenserfahrung einzubringen. Menschen meiner Generation zu ermutigen, ihre individuellen Chancen auf lebenslange Entwicklung zu entdecken und zu nutzen. Ein später Karrierewechsel oder der Einstieg in den Ruhestand sind anspruchsvolle und spannende Übergänge.

Welche Vorteile siehst Du in Deinem Alter gegenüber der jungen Generation?

Oh, da gibt es einige. Selbstbestimmung und Zeit-Souveränität. Die Kinder sind längst aus dem Haus, den Enkel können wir immer wieder „abgeben“. Meine Selbständigkeit ist ein großer Vorteil. Ich arbeite immer noch viel, bin jedoch flexibel. An einem Strahletag eine spontane Paddel- oder Fahrradtour mit meinem Mann, das ist schön. Was noch? Mehr Gelassenheit. Fokus auf das Wesentliche im Leben.

Was war Deine schönste und was Deine schlimmste Erfahrung in Deinem bisherigen Leben?

Die schönsten Erfahrungen: meine beiden Söhne nach ihrer Geburt im Arm zu halten. Und mein erster und einziger Marathon mit 55 Jahren in Berlin.

Die schlimmste Erfahrung – das lange Leiden meiner Mutter vor ihrem Tod.

Welche Lebensphase hast Du als Deine glücklichste empfunden?

Gute Frage. Es gibt drei davon. Meine Studienzeit in Armenien. Die Zeit, als unsere Kinder klein waren. Und die Gegenwart!

Was war das schönste Geschenk, das Du je bekommen hast?

Als ich einundzwanzig war, schenkte mir mein heutiger Mann eine Holzschatulle mit Farbfotos von blühenden Bäumen. Er hatte die Bilder selbst fotografiert und entwickelt. Damals gab es noch keine Digitalfotografie. Dieses Geschenk habe ich heute noch – wunderschön.

 Sind Deine Lebensträume wahr geworden?

Ja, die allermeisten. Eine glückliche Partnerschaft, zwei tolle Söhne, auf die ich stolz bin. Spannende technische Projekte wie eine Hochgeschwindigkeitsstrecke in der Schweiz. Horizonte erweitern, immer wieder etwas Neues lernen und ausprobieren. Menschen bei ihrer Potenzialentfaltung unterstützen. Ein gemeinsames Business mit meinem Mann. Natur pur erleben beim Wandern auf Korsika. Ein Haus am Wald, wo wir am Morgen in den See springen oder zum Waldlauf starten können. Und ein paar richtig gute Freunde.

Nicht erfüllt hat sich mein Wunsch, länger als ein paar Wochen in Frankreich oder Spanien zu leben und zu arbeiten. Falls Du neugierig bist – hier erzähle ich die Geschichte einer meiner Niederlagen. ☺

 Wohin möchtest Du noch reisen, was noch erleben, was noch lernen?

Privat möchte ich nach Lateinamerika – vielleicht nach Chile oder Argentinien. Damit ich mich mit den Einheimischen unterhalten kann, lerne ich Spanisch. Außerdem reise ich immer mal wieder in Länder, die keine typischen Urlaubsgebiete sind. Seit 2010 bin ich ehrenamtliche Wahlbeobachterin der OSCE. So war ich unter anderem in Georgien, Armenien und Kasachstan. Ich finde es spannend, intensiv mit Einheimischen zusammenzuarbeiten und andere Kulturen zu erleben.

Lernthemen außer Spanisch? Ja, mehrere. Letztes Jahr habe ich eine Ausbildung als Virtual Teacher an der University Irvine of California abgeschlossen. Weil sich die Technologien für das Online-Training rasant entwickeln, bleibe ich am Ball. Im März 2017 geht die Online Zukunfts-Werkstatt für Lebenserfahrene an den Start, die ich gerade gemeinsam mit meinem Mann entwickle. Damit überhaupt jemand davon erfährt, lernen wir Social Media Marketing. Dass mir das Spaß machen könnte, hätte ich noch vor einem Jahr nicht geglaubt.

Es gibt noch viele andere Themen, die mich faszinieren. Zum Beispiel Storytelling. Oder die Programmiersprache R, mit der man große Datenmengen auswerten und visuell darstellen kann.

Vor drei Jahren habe ich die Welt der MOOC (Massive Open Online Course) für mich entdeckt. Damit öffneten sich mir viele Türen zu neuem Wissen. Lernen, was, wo und wann man will – genial. Hast Du schon mal im Kursangebot von MOOC-Plattformen wie edX, Coursera oder iversity gestöbert? Für mich war das wie die Entdeckung einer Schatzkammer.

Wie stellst Du Dir Dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?

Ähnlich wie heute. Gemeinsam mit meinem Mann lebe ich in unserem Haus am Waldrand. Jeden Tag mache ich etwas, was Körper, Geist und Seele gut tut. Falls sich die Gelenke eines Tages beschweren, werde ich nicht mehr joggen, sondern radeln. Und tanzen. Auch mit 80 werde ich reife Menschen dabei unterstützen, Sinn und Berufung (neu) zu finden. Ob ich das dann immer noch mit Online-Coachings und Trainings mache oder ein Buch schreibe, weiß ich noch nicht.

Irgendwann nehme ich wahrscheinlich das Tempo raus und fokussiere mich noch stärker. Loslassen wird immer wichtiger. Lebenslanges Lernen bleibt mein Lebensthema.

Auch dann werde ich mich viel mit Freunden und Familienangehörigen austauschen. Am besten treffen, etwas Gutes kochen, in die Augen schauen, quatschen. Wenn das nicht geht – telefonieren, sich über soziale Medien mitteilen. Auch, wenn die dann nicht mehr facebook oder twitter heißen.

Ach ja – ab siebzig möchte ich gern täglich meditieren oder Yoga praktizieren – das mache ich jetzt nur sporadisch. Und meine Gitarre wird hoffentlich öfter klingen als heute.

Hast Du Angst vor dem Tod?

Nein. Wovor ich Angst habe, ist Demenz. Doch ich bin optimistisch, dass der Wissenschaft etwas einfallen wird.

Vielen Dank für deine Antworten. In vielen Dingen möchte ich dich als Vorbild nehmen. Ich habe ja die Hoffnung, dass durch stetiges lernen und durch viele soziale Kontakte einer Demenz- oder Alzheimererkrankung vorgebeugt werden kann. Halten wir uns gemeinsam die Daumen.

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