Willkommen im Club – Juliane Werding

Heute wird Juliane Werding 60 Jahre alt. Leider gibt es diesmal kein Foto, da ich nirgends ein Bild ohne horrende Lizenzgebühr gefunden habe.

„Ich wollte immer nur träumen, den krummen Weg nehmen,
den queren Gedanken denken.“

Wer erinnert sich nicht an das Mädchen mit den langen rotblonden Haaren und der Gitarre. An ihre leisen, oft traurigen Lieder. Mit Am Tag, als Conny Kramer starb wurde die damals 16-jährige über Nacht berühmt. Oft wurde sie als Jeanne d’Arc des deutschen Schlagers bezeichnet.  Schon lange ist aus Juliane Werding eine Vollblutmusikerin geworden. Mit über 20 Millionen verkauften Platten ist sie die erfolgreichste deutschsprachige Sängerin. Heute blickt Juliane Werding auf ein Leben mit Höhen und Tiefen zurück.

Mit dem Wandel der Zeiten entwickelte auch die Interpretin und Songschreiberin Juliane Werding eine immer größere Sensibilität in der Interpretation ihrer Umwelt. Mitte der siebziger Jahre kann sie sich mit Wenn Du denkst, Du denkst und Man muß das Leben eben nehmen … in der angesagten lockerflockigen Diktion ihrer Generation noch identifizieren, aber die Etikettierung legt sie in Ketten, die sie mit rigoroser Entscheidung sprengt: weg vom Showbusiness und Start in ein richtiges Leben.

„Man muß kein Schamane sein, um zu verzaubern.
Ich laß die Liebe zu. Ich laß das Glück zu.
Ich laß Gott zu.“

Sie produziert weiterhin Platten (u. a. 1980 das Album Traumland und den Song Großstadtlichter), arbeitet in einer PR-Agentur, läßt sich danach zu einer Heilpraktikerin ausbilden und ist seitdem als klassische Homöophatin tätig. Parallel verläuft ein Reifeprozeß, der ihren Blick für das  Wesentliche im Leben schärft und ihr Mut macht zum neuen Einstieg in ein Business, dem sie nicht mehr ausgeliefert ist, sondern in dem sie den Weg vorgibt. Für dieses Comeback wählt sie einen Song von Mike Oldfield aus, den dieser zuvor schon zum Welthit gemacht hat: Moonlight Shadow interpretiert sie als Nacht voll Schatten. Und plötzlich sind da Texte, die in ihrer unverkennbaren Interpretation eine neue Dimension
bekommen. Daß es ein Hit wird, ist nicht mehr als logische Konsequenz.

1984 schließt Juliane Werding mit Geh nicht in die Stadt (heut Nacht) und der deutschsprachigen Version des Nik Kershaw-Songs „Wouldn’t It Be Good“ – Sonne auf der Haut – an die Phase der neuen Glaubwürdigkeit an. Im selben Jahr erscheint noch ein weiteres Album, Ohne Angst.

„Die innere Stille ist der Schlüssel.“

Als sie 1986 das Album Sehnsucht ist unheilbar – musikalisch und textlich betreut vom Autoren-Gespann Steinhauer/Kunze – veröffentlicht, sind erstmals auch drei Songs aus ihrer eigenen Feder dabei. Ein klares Zeichen für den Willen, ihre alltäglichen Eindrücke, die auch die ihrer  Mitmenschen sind, zu verarbeiten und sich mit offenem Herzen mitzuteilen. Das Würfelspiel entert die Top 50 der Musikmarkt-Charts, das Album wird vergoldet. Im Jahr danach folgen Jenseits der Nacht und Vielleicht irgendwann in die Hitliste, wieder ein Jahr später erreicht das Album Tarot Gold-Status.

1989 Stationen als Kopplung ihrer größten Erfolge und die Single Wie weit ist Eden. 1990 das Album Zeit für Engel, produziert von Ex-Spliff-Drummer Reinhold Heil. 1991 erscheint Zeit nach Avalon zu geh’n unter der Produktions-regie von Armand Volker (Münchner Freiheit). Die Musiker- und Produzentennamen, mit denen sich Juliane Werding umgibt, gesellen sich nicht von ungefähr zu ihr. Es sind Partner, mit denen sie „eine Seelenverwandt-schaft“ empfindet, wie sie sagt. Menschen die sie verstehen und ihre Sprache sprechen.

„Wer weiß schon, wer er ist oder wer er einmal war.“

Juliane Werding hat für ihr musikalisches Spektrum indessen nie Grenzen gesetzt. Daß viele sie zwischen „deutschem Chanson und anspruchsvollen, aber unprätentiösem Pop“ ansiedeln, gefällt ihr, ist aber keine Klassifizierung, die sie selbst anstrebt. Sie singt, was sie lebt:  Alltägliches ebenso wie Außergewöhnliches, das große Spektrum zwischen kleinem Kummer und kaltem Krieg. Persönliche Assoziationen in einfühlsame Worte verpackt.

Für die musikalische Umsetzung findet sie 1992 einen neuen, wichtigen musikalischen Weggefährten: Andreas Bärtels. Wie niemand zuvor schneidert er mit Mats Björklund für Juliane Werding ein höchst filigranes Soundkleid aus melodischem Gitarrenpop, das ihre lyrischen Texte umschmeichelt wie fließende Seide. Sie weiß, was sie will, ein Lied über Selbstwertgefühl, gerät zum Single-Hit, der dem gleichnamigen Album in die Charts vorausgeht.

„Wenn jemals Raumschiff-Reisen für den Normalsterblichen
angeboten werden, bin ich die Erste auf der Warteliste.“

Du schaffst es! (1994) hat Juliane Werding zugleich als Herausforderung für sich selbst genommen: Erstmals in ihrer langen und beständigen  Karriere ging sie auf Tournee. Ab Ende Oktober 1994 war sie mit „Freundinnen“ (so das Tour-Motto) auf einer 20 – Konzerte – Gastspielreise in Deutschland unterwegs, im Bühnen-Terzett mit Viktor Lazlo aus Frankreich und Maggie Reilly aus England, die sie als Mitstreiterinnen um die Publikumsgunst gewonnen gewonnen hat. Geboren aus gegenseitigem Respekt und neidloser Anerkennung der anderen ist für das Album auch ein extra Song eingespielt worden, zu dem alle drei – dreisprachig natürlich – die Lyrik beigesteuert haben: Engel wie Du, ein Song, der von „Suche nach dem irgendwohin“ und „Sehnsuchtsgefahr“ erzählt, dem gefährlichen Spiel vom „Traumtänzer“, der „der Sonne zu nah“ kommt.

„Zu Riu, riu … „das, was ich schrieb,
wurde mir innerlich vorgegeben“.

Auf dem Album Land der Langsam Zeit überrascht die 41jährige als eine sphärische Mischung aus Enya, Enigma und Kate Bush. Mit eingängigen Melodien und glaubwürdigen Texten besingt die ehemalige Klosterschülerin den Weltuntergang (auf Ehendu Namandu, was in der Sprache der  Guarani-Indianer soviel wie „Im Namen Gottes“ heißt), entführt mit einem Schuß unheilbarer Sehnsucht in ihre Wolkenschlösser und stellt letztendlich fest, Ich bereue nichts. Juliane Werding hält auf ihrer musikalischen Zeitreise auch Rückschau und ohrwurmverdächtig fragt sie: Weißt Du, wer ich war, Weißt Du, wer ich bin, Bettler oder Königin?“ Begleitet von Gitarre, Chor und Geigen erzählt sie kein bißchen kitschig von ihren Träumen und Hoffnungen.

Mit Reife, Menschlickeit und Mut wagt sie es, die Grenzen unseres konventionellen Denkens und Handelns zu überschreiten und sich mit uns auf eine Reise ins Land der langsamen Zeit zu begeben. Unter diesem Motto startet sie eine Deutschlandtournee. Sie gibt Zusatzkonzerte in vielen Städten und erhält im Oktober 1998 für ihr Album Land der langsamen Zeit die Goldene Stimmgabel.

„Klar, sie ist sie … ist Sie.“

Die Begegnung mit dem neuen Album – S i e – ist wie der Blick in ein ganz persönliches Fotoalbum voller Momentaufnahmen eines aufregenden  Lebens. Manchmal, etwa in „Shiva ruft mich“, läßt sie die Seele frei wie einen Vogel durch virtuelle Synthesizer-Landschaften schweben. Ein anderes Mal dominiert die schlichte Akustikgitarre. Mit dem Song „Kleine Queen Of Hearts“ legt sie ihre Finger in die Wunde weiblicher Zerrissenheit und zeigt den Zwang, sich zwischen „Frausein“ und seinen „Mann stehen“ entscheiden zu müssen. Wer sich mit Juliane Werding auf die Reise begibt, wird mit ihr in der Sonne tanzen und in Wolkenschlösser tauchen „Sail Away“, um kurz darauf in der eiskalten Realität zu landen. Dort erweist sie sich als gute Freundin an Deiner Seite, denn „Alles kann passiern“. Dieser Titelsong zur ARD-Serie „Drei mit Herz“, die ab Februar 1999 zur Primetime auf Sendung geht, strotzt vor Lebenshunger, beschreibt Frauenpower pur. In 12 neuen Songs steckt die Lebenserfahrung einer Frau, die sich aus eigenen Kräften unabhängig gemacht hat.

Die Mutter zweier Kinder arbeitete als diplomierte Heilpraktikerin und ist wohl die facettenreichste deutsche Sängerin, die seit über 20 Jahren im Musikbusiness erfolgreich ihren Weg geht. Sie ist Geschichtenerzählerin alltäglicher und nicht alltäglicher Begebenheiten. Vom Verlieben und Betrogenwerden handeln einfühlsame Balladen, „I remember“ und „Gloria“. Dabei scheut sie auch nicht die Auseinandersetzung mit heiklen Themen, etwa dem Zölibat.

Ihre Musik steckt voller Melancholie und Verletzlichkeit, verbreitet Wärme an grauen Novemberabenden, aber schwelgt auch in Licht und macht Lust auf das Abenteuer Leben. Gekonnt verwebt sie spanische Gitarrenklänge oder arabische Gesänge mit modernen Popelementen, perfekt arrangiert von Andreas Bärtels, ihrem Produzenten. Sie, das ist die machtvolle Palette von Emotionen, die immer schon die Stärke der JULIANE WERDING waren. Wenn Klänge Farben wären, dann hätte JULIANE WERDING mit Sie das beeindruckendste Gemälde ihrer künstlerischen Laufbahn abgeliefert, mit Sicherheit nichts für Schubladendenker.

Klar, sie ist sie … ist Sie.

Der Weg 1972 – 1999

In den bald schon dreißig Jahren ihrer erfolgreichen Karriere hat Juliane Werding immer vor allem eines ausgezeichnet: dass sie weit über ihren  Tellerrand hinausblicken kann und ein überdurchschnittliches Maß an menschlicher Wärme aufbringt – was sich auch in ihren Songs niederschlägt. Davon zeugen fast zwanzig Alben, die sie im Laufe ihrer Karriere veröffentlicht hat und die ihr eine große Reihe von Auszeichnungen, mehrfache Golddotierungen und eine Platinauszeichnung verschafft haben. An 17 Stationen dieser musikalischen Lebensgeschichte macht das Album Der Weg 1972 – 1999 noch einmal Halt. Wer aber eine typisches „Best Of“-CD erwartet, wird ausgesprochen angenehm überrascht.

Auf Der Weg 1972 – 1999 finden sich nicht nur Juliane Werdings unvergessliche Hits, sondern zum Beispiel die großen Erfolge Am Tag, Als Conny Kramer Starb und Wenn Du Denkst, Du Denkst in völlig neuen Aufnahmen, die im zeitgemäßen Neunziger-Outfit daherkommen. Aber Der Weg 1972 – 1999 hält noch eine andere, ganz besondere Überraschung bereit: Den Titel I Remember, singt Juliane Werding im Duett mit Howard Jones. Wir erinnern uns: dieser Mann konnte 1983 mit dem unvergänglichen What Is Love einen riesigen Hit landen. Die Idee zu einer Zusammenarbeit dieser beiden auf den ersten Blick scheinbar so unterschiedlichen Künstler kam ihnen, als sie eine Gemeinsamkeit entdeckten. In London trafen sich die zwei zufällig und kamen ins Gespräch. Man plauderte über dieses und jenes – bis sich plötzlich herausstellte: sowohl Juliane Werding als auch Howard Jones sind große Anhänger des Buddhismus. Seither war klar, sie würden zusammen arbeiten, und das Resultat liegt nun mit I Remember vor. Die außergewöhnliche Fusion verschiedener Genres zeigt, wie sehr die beiden Sänger tatsächlich harmonieren. I Remember verbindet in einem modernen, poppigen Gewand lakonisch-intime deutsche Strophentexte, die Juliane Werding auch mit einem intensiven Sprechgesang belebt, und unter die Haut gehende, international gültige Hooklines, in denen ihre und die Stimme Howard Jones‘ zu einem ganz unverwechselbaren Zusammenklang finden.

Ein weiteres neues Highlight auf dem Album Der Weg 1972 – 1999 ist sicher das Hit Medley 2000, das Juliane Werdings größte Erfolge vereint. Juliane Werding ist seit Anbeginn ihrer Karriere eine absolute Ausnahmeerscheinung. Trotzdem blieb sie immer auf dem Teppich. Weit entfernt davon, sich Starallüren anzugewöhnen und auf den frühen Lorbeeren auszuruhen, machte sie in den Folgejahren mehrere „ganz normale“ Ausbildungen – so besuchte sie zwei Jahre lang die Handelsschule, ließ sich in einer großen Münchner Agentur zur PR-Frau ausbilden und ist gelernte Heilpraktikerin. Gerade diese sympathische Normalität, dieser feste und solide „Bodenkontakt“, erklären vielleicht, wie Juliane Werding es geschafft hat, sich in den vielen Jahren im Showgeschäft immer Glaubwürdigkeit und Authentizität zu bewahren.

„Wenn ich bete, dann rufe ich kosmische Kräfte an“

„Neue Wege“ – so könnte der Titel des Jahres 2000 für Juliane Werding lauten. Sie schließt nicht nur das alte Jahrtausend mit einer überaus erfolgreichen Tournee zum Hitalbum „Der Weg 1972 – 1999“ ab, sie wechselt nach über 15-jähriger Zusammenarbeit die Plattenfirma – und die Bühne!

Januar 2000 – Startschuss für „Alles kann passier’n“. Der Titel der neuen Tournee ist gleichzeitig Programm. So überraschte Juliane ihre Fans nicht nur mit neuen, atemberaubenden Arrangements („Am Tag, als Conny Kramer starb“), sie entführte sie unversehens auch zurück in die 70er Jahre: Ein Hauch von Aussteigertum, Straßenmusik und Hippie-Nostalgie weht von der originalgetreu dekorierten Bühne durch den Saal. Zusammen mit ihrer 8-köpfigen Band tourte Juliane durch ganz Deutschland und gab wegen des großen Erfolges viele Zusatzkonzerte; insgesamt machte sie an 29 Stationen halt. Der Sender PREMIERE World sendete das Konzert.

Die Fans sind derart begeistert, dass sie sich für eine Aufnahme der Akustik-Version von „Conny Kramer“ aus dem Konzertprogramm starkmachen. Juliane kommt den Wünschen nach und produziert den Song exklusiv fürs Internet im MP3-Format.

Eine „Premiere“ der besonderen Art war für Juliane Werding auch am 2. November 2000. Erstmals betrat die vielseitige Künstlerin nicht die Konzert-, sondern die Theater-Bühne. Sie spielte eine Rolle in dem Theaterstück „Die Vagina-Monologe“ von Eve Ensler – ein Stück, das bereits  an einem New Yorker Off-Broadway-Theater für Furore sorgte. „Ich habe schon immer Tabu-Themen aus der Versenkung geholt. Dazu gehört sicherlich auch die weibliche Sexualität.“ Fünf Frauen sprechen von ihren Ängsten, von Entbehrungen, von ihrer Lust und ihren Sehnsüchten. In den charmanten Räumen des Metropol-Theaters in München, eines ehemaligen Kinos im eleganten Stil der 50er Jahre, entfaltet sich ein Kaleidoskop „weiblicher Lebenswelten“ – skurril, schillernd, liebevoll. Und oftmals so ergreifend, dass es nicht nur der ungewöhnliche Titel des Stückes ist, der für reichlich Medienbeachtung und Publikumsresonanz sorgte.

Neue Wege geht die Sängerin auch musikalisch – begleitet von einer neuen Plattenfirma. Nach über 15 Jahren Zusammenarbeit trennt sich Juliane Werding von WEA, mit der sie große Erfolge feierte (u.a. „Nacht voll Schatten“, „Sehnsucht ist unheilbar“, „Tarot“). „Zeit für Abschied und Beginn“: Die neue Company ist Polydor (Universal Music), mit der im Herbst 2001 ein neues Album auf den Markt kommen wird.

Dabei setzen Juliane und das neue Team voll auf Interaktivität: Erstmals entscheiden die Fans im Internet über die erste Promo-Single des Albums, die es dann im Februar 2001 zum kostenlosen Download auf den Webseiten gab.

Amelie Fried über Juliane Werding:

Es gibt Künstler, die kommen nie aus der Mode. Die sind immer zeitgemäß, aber nie trendig. Die sind mehr bei sich als auf der gerade angesagten Welle. Und die erzählen uns von sich auf eine Weise, die uns beim Zuhören zu einem Teil des Erzählten macht.

Seit über fünfundzwanzig Jahren singt Juliane Werding über das Leben, die Liebe, über ihre Träume, Ängste und Phantasien. Ihre Musik hat sich verändert, ebenso wie ihre Texte, aber da auch sie sich verändert hat, ist sie sich dabei treu geblieben. Bei jeder neuen Platte konnte man feststellen, wo Juliane Werding gerade stand, an welchem Punkt ihrer Entwicklung als Persönlichkeit und als Sängerin sie angekommen war. In ihrem Leben ist die einzige Konstante die Veränderung. Nie ist sie auf einem Weg geblieben, nur weil er sich bewährt hat. Sie hat die Herausforderung gesucht, das Neue, das Risiko.

Trotz ihrer Erfolge als Sängerin hat sie andere Berufe gelernt, hat als PR-Frau und als Heilpraktikerin gearbeitet, beschäftigt sich mit Tarot, Buddhismus und spirituellen Fragen. Sie träumt davon, irgendwann Ethnologie oder Astrophysik zu studieren, und derzeit hat sie das Drehbuchschreiben für sich entdeckt. Schubladen sind nicht ihr Ding. Immer, wenn man dachte, nun hätte man sie irgendwo eingeordnet, brach sie wieder aus. Juliane, die Schlagersängerin? Längst vorbei. Juliane, die alternativ angehauchte Liedermacherin? Das war einmal. Juliane, die Vegetarierin? Bloß keine Dogmen. Juliane, die Spöken-kiekerin? Alles zu seiner Zeit. Juliane ist eine Suchende. Sie sucht ihren ganz persönlichen Weg, unbeirrt und hartnäckig. Dass sie dabei auch mal scheitert, macht sie umso glaubwürdiger.

Nie hat sie versucht, ihrem Publikum vorzuspielen, das Leben sei einfach. Sie ist kein Star im oberflächlichen, glamourösen Sinn. Sie misstraut dem schönen Schein. Ihre Lieder sind ihre Erfahrungen und Eindrücke von der Welt, aber sie spiegeln nicht einfach ihre Wahrnehmung, sondern verändern sie gleichzeitig. Indem sie aufschreibt, was sie sieht, gibt sie den Geschehnissen Gestalt und macht sie dadurch fassbar und fühlbar.

Juliane Werding hat eine ziemliche Strecke zurückgelegt, vom „Tag, als Conny Kramer starb“ bis zu den Songs auf ihrem neuen Album; den ganzen, langen Weg vom sechzehnjährigen Mädchen zur reifen Frau. Ihr Blick aufs Leben ist längst nicht abgeklärt; er ist mal wehmütig, mal humorvoll, mal träumerisch, mal kämpferisch – eben so, wie sie heute ist. Die neuen Songs sind unterschiedlich in der Stimmungslage, spielen mit Musikstilen vom Country-Song über den Blues bis zur Ballade, und sie alle erzählen Geschichten, in denen wir uns wieder finden können. „Heute Nacht ist sie ein Mann“ verarbeitet die unter Frauen sehr verbreitete Phantasie, einmal als Mann eine Frau zu lieben. „Der Hahn ist tot“ erzählt „nollig“-ironisch von einer Frau, die sich einen lästig gewordenen Liebhaber vom Hals schafft. Aus dem Titelsong „Es gibt kein Zurück“ sprechen die Kraft und der Lebenshunger von jemandem, der alles hinter sich lässt. Hinter dem scheinbar einfachen Titel „Das Leben ist schön“ verbirgt sich ein poetischer Song, dessen Essenz in dem liegt, was er nicht ausspricht. Beim Anhören von „Schwarzer Mann“ entstehen sofort Kinobilder im Kopf, und tatsächlich haben Juliane und ihr Co-Texter Andreas Bärtels sich vom Kinofilm „From dusk till dawn“ inspirieren lassen. Der Song „Snowhite Baby“ ist Julianes sehr persönliche Erinnerung an einen jungen, talentierten Künstlerkollegen, der am Heroin zugrunde gegangen ist.

Juliane ist nie fertig. Es gibt immer etwas zu tun, was sie noch nicht getan hat. So hat sie im letzten Jahr als Schauspielerin debütiert, im Münchner Metropol Theater stand sie im Skandalstück „Vagina Monologe“ auf der Bühne. Eine ihrer typischen Spontan-Entscheidungen. Sie hatte nie zuvor Theater gespielt, aber ihre langjährige Auftrittserfahrung und die ausgebildete Stimme sorgten von Anfang an für Bühnenpräsenz. In einem Crashkurs eignete sie sich etwas „Handwerkszeug“ an – und sprang ins kalte Wasser. Ihr Mut wurde belohnt: Die Resonanz auf die Aufführung war gross, die Kritiken positiv.

„Es gibt kein Zurück“. Dieser unsentimentale Titel des neuen Albums drückt aus, worum es Juliane Werding geht: Erfahrungen machen, ohne Vergangenem nachzutrauern. Nach vorne sehen. Die Zeit mit möglichst viel Leben füllen. Das singt sie. Und das lebt sie.

„Alles ist möglich und es gibt kein Zurück!“

Was passiert, wenn eine katholisch aufgewachsene Popsängerin und Songtexterin, die gleichzeitig Heilpraktikerin ist, und ein evangelischer Theologe, der als Journalist und Buchautor arbeitet, ihre Erfahrungen mit der Bibel, dem Glauben und dem Leben zusammenlegen und zu Papier bringen?

Juliane Werding und Uwe Birnstein wagten im September 2001 das Experiment und wählten dafür eine literarische Form, die beiden – von jeweils unterschiedlicher Seite – vertraut ist: das Interview. Als Gesprächspartner suchte sich das Autorenpaar diejenigen, die es wissen müssten: Jene biblischen Figuren, deren Leben zwar in der Bibel beschrieben wird, aber eben nicht erschöpfend. Was Eva gedacht hat nach dem Rausschmiss aus dem Paradies – das ist ebenso unbekannt wie die Frage, wie Jesus eigentlich den Stein von seinem Grab gerollt hat. Moses und Amos, Batseba und Maria Magdalena kommen ebenso zu Wort in dem Buch „Sagen Sie mal, Herr Jesus und andere Interviews mit Personen der Bibel“.

Entstanden ist ein ungewöhnliches Buch, das trotz theologischen Tiefgangs zum Schmunzeln bringt und sowohl kirchlich wie nichtkirchlichen Leserinnen und Lesern neue Einblicke in die biblischen Geschichten garantiert (Gütersloeher Verlagshaus).

Wenn man überlegt, dass Juliane Werding erst im Herbst 1994, nachdem sie schon einige Hits vorgelegt und reichlich Edelmetallauszeichnungen entgegen genommen hatte, auf Tour war, ist es umso beachtlicher, dass Konzerte zu einem bestädigen Muss eines neuen Albums gehören. Viel mehr noch als ein Muss; sie liebt das Leben auf Tour, die Stimmung und das Zusammensein mit der Band und den Fans. So macht sie auch im Jahr 2002 mit dem aktuellen Album „Es gibt kein Zurück“ keine Ausnahme. Die Bilanz: Eine große Deutschland-Tournee, mit weit über 20 Terminen und Zusatzkonzerten im Berliner Friedrichstadtpalast und Dresden.

Rechtzeitig zum Tourstart erscheint das lang erwartete „Songbuch: Lieder 1971 – 2001“ mit 183 Texten, vielen bisher unveröffentlichen Fotos und einem persönlichen Vorwort von Juliane Werding (Govinda-Verlag). Darin dokumentiert: Ihre anspruchsvollen und doch eingängigen Texte zeichnen die Entwicklung einer selbstbewußten, kämpferischen und liebevollen Frau nach. Wie keine andere verbindet sie darin Alltägliches und Hintergründiges, philosophische Tiefe und Sinnlichkeit, Lebensfreude und bissige Zeitkritik zu einer Einheit – der Einheit des Lebens in all seinen vielfältigen Facetten und Stimmungen.

Juliane Werding hat viele künstlerische Leidenschaften. Eine mehr entdeckte sie im Jahr 2000, als sie im Münchener Metropol-Theater die Vagina-Monologe spielt: Die Schauspielerei. Im Juni und Juli 2002 steht Juliane wieder auf der Bühne des Münchener Metropol-Theaters und spielt eine neu inszenierte Fassung der „Vagina-Monologe“.

Happy birthday Juliane.

 

Quelle: www.juliane-werding.de

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