Scheiss Karma, oder was ist Glück?

Ja Ihr Lieben, ich hab noch mal Glück gehabt. Das Karzinom ist vollständig entfernt, alles ist gut. Natürlich ist meiner Familie und mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Eigenartig nur ist für mich, ich fühle nichts. Eigentlich müßte ich jetzt glücklich sein und Luftsprünge machen, aber ich fühle mich einfach nur leer.

In der letzten Zeit war ich, wen wundert es, sehr nachdenklich. Vielleicht haben einige von euch am letzten Freitag den Fernsehfilm “Nichts für Feiglinge” gesehen. Es ging um eine 72jährige Frau (gespielt von Hannelore Hoger), deren Leben sich plötzlich von Grund auf ändert, weil sie an Demenz erkrankt ist. Auch spielte die Beziehung zum Enkelsohn eine große Rolle, der sich seiner Großmutter auf wunderbare Weise annähert. Ein wirklich sehenswertes Stück Fernsehen, was ja heute selten geworden ist.

Mir geht es aber nicht so sehr um den Film an sich, sondern um eine Frage, die der Enkel seiner Oma etwa in der Mitte des Stückes stellt und die am Ende, bei ihrem Tod, wieder eine Rolle spielt. Die Frage war: “Oma, wann warst du am glücklichsten in deinem Leben?”. Automatisch stellte ich mir selbst diese Frage und musste sehr lange darüber nachdenken. Vielleicht war ich als kleines Mädchen an Weihnachten so richtig glücklich. Dieser eine Tag oder diese eine Zeit, die ja allgemein immer als “glücklichste des Lebens” bezeichnet wird, fällt mir nicht ein. Es hat in meinem Leben einfach keine vollkommen glückliche Zeit gegeben. Obwohl von Haus aus Optimist, kann ich mich nicht wirklich an unbeschwerte Zeiten, die ja die Voraussetzung zum Glücklichsein sein sind, erinnern. Wieso ist mir das noch nie aufgefallen? Wahrscheinlich wollte ich das garnicht wahrnehmen, wollte es nicht wissen.

Meine Eltern führten keine gute Ehe, mein Vater trank phasenweise, meine Mutter war tablettenabhängig. Die erste Ehe habe ich geschlossen, um zu Hause rauszukommen (so war das damals noch). Mein Mann war ein Macho, der mich klein hielt. Die zweite Ehe sehe ich heute als logische Folge der Ersten. Er war neun Jahre jünger als ich und vergötterte mich. Jetzt hing alles an mir, was mich zwar selbstbewußter, aber nicht wirklich glücklicher machte.

Viele Menschen, die ich geliebt habe, starben früh. Mein ganzes Leben lang wechselten sich finanzielle Probleme mit Ärger im Job oder privaten Schwierigkeiten ab. Irgendwas war immer. Endlich einen adäquaten Partner gefunden, wurde das kleine Glück von Anfang an getrübt. Zunächst von einer Exfrau, die uns fast täglich, betrunken und aggressiv, anrief und beschimpfte. Dann kamen die IT-Krise und die schwere Krankheit meines Mannes fast gleichzeitig, was zur Insolvenz unserer kleinen Firma führte. Zur Abwechslung waren das einmal alle Probleme auf einem Haufen. Durch diese Zeit musste ich weitestgehend alleine gehen, da mein Mann überhaupt nicht mehr belastbar war. Als er dann im letzten Jahr seiner schweren Kreberkrankung erlag und ich mit Kater zurück in meine Heimatstadt Köln gezogen war, dachte ich, dass ich jetzt endlich zur Ruhe kommen könnte und dann erkranke ich selbst an Krebs.

Nein, ihr Lieben, ich bin weit davon entfernt schwach und weinerlich zu werden, auch wenn es sich vielleicht so anhört. Es ist einfach ein Rückblick, der mich selbst ein wenig erschreckt hat. Er hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich noch lange nicht sagen kann: “Gut, es reicht”. Nein, ich möchte noch etwas leben und ein wenig Sorglosigkeit und ein bißchen Glücklichsein erleben.

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