Zwischen 40 und 60 – Interview mit Cecilia Stickler

Bild: Paulsen

 

Cecilias schreibt in ihrem Blog “Nichts für Feiglinge” über eine schwedische Rentnerin in Berlin und meint damit natürlich sich selbst. Sie sagt über sich:

Ich bin eine Schwedin, die seit gefühlten Ewigkeiten in Berlin und Deutschland lebt aber im Herzen immer noch ganz furchtbar schwedisch ist. Und dennoch ist die Stadt Berlin meine „Heimat“, die ich wehement verteidige. Bin geschieden – bin doch eher ein Single-Typ, macht ja auch nix, gell – habe aber zwei wunderbare Töchter und drei noch wunderbarere (kann man das überhaupt alles steigern??) Enkelkinder, die ich seeeeehr liebe und ich geniesse es, dass sie noch so klein sind und dass sie sich hemmungslos „beknutschen“ lassen und noch nicht so weit sind, dass eine Oma eigentlich nur eine sehr peinliche Person ist. Ich bin Rentnerin aber arbeite noch freiberuflich als Übersetzerin und das tue ich so lange, wie meine Synapse im Gehirn funktionieren und bitte um Bescheid, wenn das nicht mehr der Fall ist. Ich intresserie mich für meinen Kiez, den ich sehr mag, so schräg der auch ist, ich engagiere mich in der schwedischen Kirchengemeinde in Berlin und in einem anderen schwedischen Verein, SWEA. Ich geniesse das kulturelle Angebot in Berlin und würde mir wünschen, dass der Tag mindestens 48 Stunden hätte.. Ich muss noch Gas geben so lange es geht..

Liebe Cecilia:

Wie war Dein Lebensgefühl mit 40 und wie unterscheidet es sich zu heute?

Mit 40 habe ich oft darüber nachgedacht, „ob das jetzt alles wirklich war“? Ob das Leben so weitergeht? War innerlich immer auf der Suche. Habe meinen damaligen Mann gedanklich öfters mit anderen Männern betrogen. Mir fehlte die Spannung, die Aufregung. Wollte noch nicht so ordentlich sein. Habe auf Feten so viel Spaß gehabt, war so ganz ohne Sorgen. Alles lief gut, Häuslebauen, tolle Kinder, finanziell abgesichert etc. Allerdings öfters mit mir selbst unzufrieden, weil ich keine eigene Karriere gemacht habe. Heute ärgere ich mich sehr darüber, dass ich nicht mehr auf meine eigene Karriere gesetzt, sondern mich immer nur meinen Männern „angepasst“ habe und das tat, was für sie am besten war. Wie habe ich kämpfen müssen, um wieder arbeiten zu dürfen, als die Kinder schon auf dem Gymnasium waren! Jetzt bin ich über jeden Tag dankbar und bin schrecklich langweilig und brauche gar keine Aufregung.

 

Welche Wünsche und Träume hattest Du in diesem Alter und was davon ist in Erfüllung gegangen?

Ich glaube, dass ich gar nicht so viele Wünsche und Träume hatte, das Leben lief einfach wie am Schnürchen. Es ging mir gut, hatte tolle Töchter, die allerdings damals in der Pubertät waren und mich sehr gefordert haben. Puh.. Es ging mir finanziell gut. Eigentlich hatte ich ein gutes Leben, einen Mann, der mich liebte aber mir es nicht zeigen konnte, und gar nicht so viele Träume.

 

Wenn Du heute auf die letzten 20 Jahre zurück schaust, wie ist Dein Resumé?

Mein Resümee ist, dass ich vieles falsch gemacht habe. Ich glaube, ich war viel zu lange naiv und oberflächlich. Andererseits genieße ich jetzt das Singelleben sehr – ich vermisse keinen Mann, der mir sagt was ich zu tun und zu denken habe, denn das haben meine beiden Männer sehr deutlich gemacht. Sie waren eben die klügeren. Darüber hatten Sie ja auch Brief und Siegel während ich mich immer unterlegen fühlte und dann rebellisch wurde. Ich finde den Spruch: Die Ehe rettet die Männer vor dem Suizid, die Frauen treibt sie dahin“. Ich weiß, ich bin gemein.

 

Gab es Schicksalsschläge oder tiefgreifende Veränderungen in dieser Zeit und wie haben sie Dein Leben beeinflußt?

Die – selbst verursachten – Schicksalsschläge waren wohl meine beiden Scheidungen. Über die denke ich jetzt öfters viel nach und die erste Scheidung war eigentlich sehr unnötig und das wurmt mich etwas. Aber hinterher ist man immer klüger.  Die Brustkrebsdiagnose vor 20 Jahren war auch ein Schicksalsschlag, der mich sehr veränderte. Inzwischen habe ich ganz andere gesundheitliche Schicksalsschläge bekommen, so dass ich denke „Brustkrebs? Na und?“.

 

Bist Du heute zufriedener oder trauerst Du der alten Zeit hinterher?

Nein ich möchte die Zeit nicht noch einmal erleben. Oder doch? Nein! Ich bin sehr zufrieden! Wenn ich sie noch einmal erleben könnte, würde ich in der Kindererziehung anders sein. Wir waren damals sehr viel egoistischer den Kindern gegenüber, sie „liefen so einfach mit“ und es wurde nicht so viel Tam-Tam gemacht und heute denke ich, dass das nicht richtig war. Ich hätte viel mehr auf die Kinder fokussieren sollen! Aber sie sind dennoch wunderbare Frauen geworden!

 

Welche Wünsche und Träume hast Du für die nächsten 20 Jahre?

Ich habe nur den Wunsch, noch einmal so einen Tod zu haben wie ich ihn im Dezember 2017 hatte. Beim Essen im Restaurant von dem Stuhl fallen und tot sein. Dass ich lebe, ist der Verdienst vieler Helfer, aber ob mir das noch einmal vergönnt wird so einfach zu sterben? Und 20 Jahre möchte ich garantiert nicht noch leben.

Cecilia, vielen Dank für das sehr offene Interview. Du klingst etwas resigniert. Ich bin sicher, du wirst wieder ganz gesund und denke daran: Das Leben ist schön.

 

 

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