Lass die Seele frei

Keine(r) von uns ist frei von seelischen Altlasten. Schlimm ist, dass sie uns auch im höheren Alter noch beschäftigen. Es bedarf oft nur eines falschen Wortes, einer Situation die sich vermeintlich wiederholt, eines Songs oder eines Geruchs und alles ist wieder da. Das gilt auch für Erlebnisse, die längst verarbeitet schienen.

Wir merken, dass wir das Negative nur aus unseren Gedanken verbannt haben. Tief in uns drin schlummert es immer noch, bereit bei passender Gelegenheit mit voller Wucht wieder aufzutauchen. Seit einiger Zeit denke ich viel über die Vergangenheit nach. Vielleicht liegt es am Älterwerden oder daran, dass einfach mehr Zeit vorhanden ist. Das Schreiben hilft mir bei der Bewältigung vieler Probleme und Verletzungen, die es in meinem Leben gegeben hat. Einiges habe ich bereits im Laufe meines Lebens überwinden können.

Zum Beispiel ging mein erster Mann ständig fremd. Keine Frau, die nicht bei drei auf dem Baum war, war vor ihm sicher – ich berichtete bereits darüber. Damals war ich noch sehr jung, gerade mal Anfang zwanzig und glaubte, an mir wäre etwas oder ich machte etwas falsch. Mein Selbstbewußtsein ging mit Hut unter dem Teppich durch. Viele, viele Jahre später, ich war noch relativ frisch mit meiner großen Liebe Bernd zusammen, kam das alles wieder hoch. Wir waren zum Polterabend eines Kollegen eingeladen und hatten schon ein bißchen was getrunken. Es war ein schöner Abend. Wir haben viel gelacht und viel getanzt. Dann nahm Bernd eine Kollegin liebevoll in den Arm und da war sie wieder, die Angst betrogen zu werden. Ich drehte mich auf dem Absatz um und lief laut schluchzend hinaus in die Nacht. Da stand ich dann mitten in der Walachei und wußte nicht, wie ins Hotel kommen. Bernd war hinter mir her gekommen und versuchte mich zu beruhigen. Der arme Kerl wußte nicht, wie ihm geschah, denn so kannte er mich eigentlich nicht. Das Beruhigen funktionierte erst einmal nicht sonderlich gut, dafür tat ich mir einfach selbst zu leid. In den darauf folgenden Tagen reflektierte ich meine Reaktion und sah ein, wie ungerecht ich gewesen war. Ich lernte Bernd zu vertrauen und dieses Vertrauen wurde nie mißbraucht. Es ist bis heute nie wieder zu einer solchen Reaktion gekommen.

Andere Dinge wirken bis heute nach. Vor kurzem machte mich meine Freundin in einem Gespräch darauf aufmerksam, dass ihr immer wieder Äußerungen von mir auffallen, die darauf schliessen lassen, dass ich mich nicht für klug halte und sie das absolut blödsinnig finde. Ja, sie hat vollkommen recht, das beschäftigt mich schon fast mein ganzes Leben. Meine Eltern liessen mich, trotz Lehrerempfehlung, keine weiterführende Schule besuchen. „Du bist hübsch, du heiratest sowieso“ war die Aussage. Fortan hatte ich immer das Gefühl ungebildet zu sein. Das ist sicher Unsinn, weil ich neugierig war, viel gelesen habe, vielseitig interessiert war und gelernt, gelernt, gelernt habe. Trotzdem, je nach Situation, kommt dieses Gefühl in mir hoch nicht schlau genug zu sein. Daran muß ich unbedingt noch arbeiten.

Das waren nur zwei Beispiele von vielen.

„Wenn wir die Art und Weise verändern, wie wir die Dinge betrachten, werden die Dinge, die wir betrachten, sich verändern.“

das sagt der Psychologe Wayne Dyer und das wird eine Aufgabe für die nächsten Jahre. Mein Leben hat mich auch stark gemacht und zu der gemacht, die ich heute bin. Stark genug, um mit milderem Blick auf die zugefügten Verletzungen zu blicken.

 

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Berührend offen und frei deine Worte. Eine dieser Geschichten, die geschrieben werden wollen, um genau das in Bewegung zu setzen, was jener Psychologe wohl meinte <3 Danke, liebe Herzensschwester <3

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