Sonntagsfragen an Gabi Saler

Ist dieses Lachen nicht ansteckend?

Gabi Saler und BärenbenGabis Blog verfolge ich schon eine ganze Weile. Vor ein paar Wochen las ich ihren Beitrag „Ein Teddybär der Bücken baut“ und war so gerührt, dass ich ein bißchen weinen mußte. Jetzt war klar: Von dieser Frau wollte ich ein wenig mehr erfahren und bat sie um ein Interview, dem sie gerne nachkam.

Gabi Saler ist Jahrgang 1963, Mutter, Großmutter, Lebenspartnerin, Autorin, Journalistin, Sprecherin, Musikerin und bloggt seit rund einem Jahr über „Glück und so“. Sie tourt mit „Dem Bären, der auf einer Mülltonne saß“ und ihrem gleichnamigen Hörbuch durch die Lande und baut gern Brücken – überall da, wo gerade welche gebraucht werden…

Liebe Gabi,

wenn du ans Älterwerden denkst, was ist für dich das Schönste, was das Schlimmste daran und was macht dir am meisten Angst?

Schlimm stelle ich mir das Ganze vor, wenn ich zwanghaft so tun müsste, als ginge das Altern spurlos an mir vorüber. Das fühlt sich anstrengend und vor allem einsam an. Was ich nicht sein will. Deshalb bin ich eher für’s ehrliche Offenbaren. Das Schönste für mich ist, mit mir meinen Frieden gefunden zu haben. Mit jeder neuen Falte in meinem Gesicht, meiner sich verändernden Form, die schon länger nicht mehr in Größe 38 passt, meinem Hubbel am großen Zeh, den man Hallux valgus nennt und den so gut wie jede in meiner Altersklasse kennt, was ich zum Glück weiß, weil wir im trauten Mädelskreis Ü 50 unsere Füße schon längst kichernd verglichen haben. Und – Austausch sei Dank – natürlich deshalb auch genau wissen, dass es da ganz fabelhaft-entlastende Luftpolsterstützteile gibt. Und zum Erhalt der alltäglichen Tatkraft natürliche Nahrungsergänzungsmittel. Und die gute Steinkleesalbe, die Andrea immer selber macht und die sich bei Hämorrhoiden im Freundeskreis längst bewährt hat. Das Schönste am Älterwerden ist, nicht einfach so alleine älter werden zu müssen. Wir haben die Möglichkeit miteinander zu teilen, uns mitzuteilen, neue Wege zu finden, Anteilnahme zu leben und dann ist, was auch immer passiert, maximal halb so schlimm.
Was mir am meisten Angst macht? Das Älterwerden sicher nicht. Dafür aber um so mehr, dass Angst und Misstrauen unter uns Menschen wachsen. Wenn mich diese Angst am Wickel hat, schreibe ich Lieder wie „Listen!“ und singe, so laut ich nur kann…

Welche Vorteile siehst du in deinem Alter gegenüber der jungen Generation?

Der Vorteil liegt eindeutig in der Summe der gelebten Erfahrungen und dem dadurch erworbenen Lebenswissensschatz. Der nützt allerdings auch nur dann was, wenn wir im generationenübergreifenden Austausch bleiben und nicht reduziert und separiert im eigenen Saft vor uns hinschmoren.

Was war deine schönste und was deine schlimmste Erfahrung in deinem bisherigen Leben?

Die schönste Erfahrung für mich ist, geliebt zu sein, als die, die ich bin. Zu allererst von mir selbst. Die schlimmste war der verkrampfte Beziehungskampf, den Enzo und ich uns lieferten, als wir als Frau und Mann noch konkurrieren mussten. Heute sind wir 33 Jahre miteinander, können uns lassen und lieben und genießen.

Welche Lebensphase hast du als deine glücklichste empfunden?

Die jetzige ist einfach wundervoll.

Was war das schönste Geschenk, das du je bekommen hast?

Eine kleine Frauenfigur, die die Arme weit ausbreitet und ihr Gesicht dem Himmel zuwendet. Die hat mir Enzo per Post geschickt, als ich viel in Baden-Baden arbeitete und wir noch auf dem hindernissreichen Weg zu uns und einer erfüllten Partnerschaft waren. Auf eine Karte schrieb er dazu: „Fühl dich frei zu singen, zu lachen und zu gestalten“. Damit hat er ein wegweisendes Zeichen gesetzt.

Sind deine Lebensträume wahr geworden?

Als jugendliche Klosterschülerin hab‘ ich mal davon geträumt eine besonders gute Menschenfrau zu sein und mit Mutter Teresa Leprakranken in Kalkutta zu helfen. War mir dann später doch nicht mehr so wichtig. Ich hab‘ auch mal davon geträumt soviele Kinder in die Welt zu setzen, dass eine ganze Fußballmannschaft zusammenkommt. Hat sich im real-life dann glücklicherweise anders ergeben. Zusammen mit Enzo habe ich geträumt in Nicaragua an Kunstprojekten für den Frieden zu arbeiten. Wir hatten schon den Haushalt aufgelöst und die Flugtickets in der Tasche, als 1989 dort der Bürgerkrieg wieder ausbrach und die Seifenblase platzte….Wahr ist geworden, dass wir unsere Beziehung liebevoll, frei und offen leben können. Wahr ist geworden, dass ich nach schwerer Krankheit wieder ganz gesund werden durfte. Wahr ist geworden, dass wir eine starke Familie sind. Wahr ist geworden, dass wir Raum für uns haben und an einem friedlichen Ort leben dürfen. Wahr ist geworden, dass ich heute das tun darf, wovon ich als junge Frau am allermeisten träumte: Geschichten zu erzählen.

Wohin möchtest du noch reisen, was noch erleben, was noch lernen?

In dieser Frage steckt mir dann doch zuviel „noch“ ;-). Ich liebe das Leben jetzt und hier und lerne und erlebe täglich. Fein wär’s allerdings, wenn Enzo und ich mal wieder die Füße im Meer baumeln lassen könnten. Oder tatsächlich mal nach Nicaragua kämen. Andererseits steh‘ ich auf angenehme Überraschungen und bin mir sicher, dass da noch einiges drin ist.

Wie stellst du dir dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?

Sollte ich mit über 80 noch auf diesem Planeten weilen, so soll es mir nach wie vor eine Freude sein erzählenderweise Menschen zu berühren. Gerne auch in einem Schaukelstuhl neben einem warmen Kachelofen und eine Schar von Zwergen um mich herum. Genau. Weil ich mir meine/unsere Zukunft nicht einsam in einer Eigentumswohnung, sondern am allerliebsten geborgen und eingebettet in ein liebevolles, lebenserfülltes Miteinander vorstelle. Quasi so eine Art „Mehrgenerationenwohnen“. Wobei es mir da nicht nur ums „Wohnen“, sondern viel mehr ums „Leben“ geht. Somit entspricht eine Lebensgemeinschaft meiner Idealvorstellung. Vielleicht auf einem großen Hof, mit genug Raum für alle, fruchtbarem Land drumherum und der Freiheit, geben zu können, was ein jeder zu geben in der Lage ist. An dieser Verwirklichung weben wir 🙂

Hast du Angst vor dem Tod?

Vielleicht ist die wertvollste Erfahrung, um die Angst vor dem Tod zu überwinden, ihm ins Gesicht zu sehen. Ich durfte meine Mutter, meinen Vater und meine Schwiegermutter beim Sterben begleiten. Das friedvollste Erlebnis schenkte mir meine Mutter. Am Abend ihres 85. Geburtstags, nachdem sich um ihr Krankenbett den Tag über noch einmal die ganze Familie versammelt hatte, war sie müde und es gab nur noch eine einzige Frage, die ihr am Herzen lag: „Meinst du, ich habe alles, was wirklich wichtig war, geklärt?“ Ich wusste, sie hat. Weshalb ich nickte und überzeugt antwortete: „Ja, Mama“. Da entspannte sich ihr Körper, sie lächelte mit geschlossenen Augen und ihre Arme lagen ausgestreckt und mit nach oben geöffneten Handflächen. Sie atmete tief ein und langsam wieder aus. „Dann ist ja gut.“ Das war das letzte, was ich sie sagen hörte. Für dieses Erleben bin ich zutiefst dankbar und es lässt mich meinem eigenen Tod gelassen entgegensehen.

Danke Gabi für dieses tolle Interview und ich würde mich freuen, dich einmal persönlich kennenzulernen. Wäre schön, wenn es sich einmal ergibt.

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin,

    mit Freude habe ich das Interview gelesen und mich an Fragen wie Antworten gleichermaßen erfreut. Ein sehr schönes rundes Bild ist entstanden und hat mir den ein oder anderen Einblick geschenkt. Danke

    Liebe Grüße
    San

    Antworten

    • Ich danke dir liebe Gabi. Mir geht es genauso. Der nächste Schritt wäre, uns endlich persönlich kennenzulernen. Wenn ich wieder halbwegs „auf dem Damm bin“ sollten wir das unbedingt in Angriff nehmen.

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