Sonntagsfragen an Sonja Schiff

Sonja ist 52 Jahre alt und lebt in Österreich/ Salzburg und Ungarn/ Sarród. Bei ihr habe ich das Gefühl, dass ihr Umgang mit alten Menschen sie jung hält. Ich freue mich wahnsinnig, dass ich im April Gelegenheit habe, sie persönlich kennenzulernen.

Liebe Sonja, stelle dich uns bitte kurz vor:

Mein Name ist Sonja Schiff. Ich bin verheiratet, persönlich kinderlos, seit kurzem aber Ersatzmutter eines jungen afghanischen Flüchtlings und außerdem doppelte Patchwork-Oma. Beruflich bin ich als Alternswissenschaftlerin und Altenpflegeexpertin selbstständig, schreibe Bücher und halte Seminare. Ich bin Hundefreak, eifrige Gärtnerin mit Selbstversorgungsanspruch und begeisterte aber mäßige Saxophonistin. Außerdem betreibe ich mit Leidenschaft meinen Blog www.vielfalten.com.

 

„Als Frau fühle ich mich so stark und kraftvoll wie in keiner Lebensphase vorher.“

 

Wenn du ans Älterwerden denkst, was ist für dich das Schönste, was das Schlimmste daran und was macht dir am meisten Angst?

Ich erlebe das Älterwerden ja auf zwei Perspektiven. Da ist auf der einen Seite die Alternswissenschaftlerin, die alle möglichen theoretischen Konzepte zum Altern im Kopf hat und da bin auf der anderen Seite ich ganz persönlich, die ich das Älterwerden jetzt plötzlich auch erlebe. Zwischen diesen beiden Polen, Metaebene und persönliche Ebene, pendle ich sozusagen hin und her. Spannend und schön am Älterwerden finde ich den Zuwachs an Selbstbewusstsein und Zufriedenheit. Als Frau fühl ich mich so stark und kraftvoll wie in keiner Lebensphase vorher. Außerdem war ich noch nie mit meinem Leben so zufrieden wie heute. Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt als früher und kann das tägliche kleine Glück sehen, das ich früher meist nicht wahrgenommen habe. Schlimm am Älterwerden finde ich die Verluste und das damit verbundene Abschiednehmen, von Menschen, aber auch von Fähigkeiten.
Was mir Angst macht? Das Ungewisse! Aber das hat weniger mit den Älterwerden zu tun, sondern mit dem Leben an sich. Trotz meiner Angst bin ich übrigens davon überzeugt, dass ich auch das Ungewisse meistern werde. Je älter ich werde, desto größer wird nämlich auch mein Vertrauen, dass am Ende alles gut wird.

Welche Vorteile siehst du in deinem Alter gegenüber der jungen Generation?

Um ehrlich zu sein, habe ich den jungen Generationen gegenüber vor allem ein schlechtes Gewissen. Ich finde es entsetzlich, welche Welt wir ihnen hinterlassen. Wir haben rücksichtslosen Raubbau an unserem Planeten betrieben und ich fürchte irgendwann gehen wir als jene Generation in die Geschichte ein, die den Planeten am meisten zerstört hat. Und wenn ich mir das Aufkommen der Rechten in Europa ansehe, einen Donald Trump in Amerika, der alles niedertrampelt, was bis vor kurzem noch als Errungenschaft galt und dafür auch noch gefeiert wird, dann wird mir ganz anders. Es sind vor allem ältere Herren, die unsere Welt destabilisieren und den Jungen die Zukunft und ein Leben in Frieden und Freiheit rauben. Meine Generation hat dagegen eine tolle Zeit erlebt. Es ging nur aufwärts, Jobs in Hülle und Fülle, Europa entstand, die Grenzen fielen, Frieden und Wohlstand entwickelten sich immer weiter. Wir hatten Perspektiven, wir konnten frei unser Leben gestalten. Nun hinterlassen wir, aus meiner Sicht, einen verdreckten und politisch instabilen Planeten. Mich betrübt das sehr.

Was war deine schönste und was deine schlimmste Erfahrung in deinem bisherigen Leben?

Mein Leben in schönste und schlimmste Momente zu unterteilen, liegt mir fern. Ich habe gelernt, dass vermeintliche Lebenskrisen, und da gab es einige, mich letztlich immer weitergebracht haben als Mensch. Nach meiner Scheidung und absolvierter Trauerarbeit, war ich eine andere Frau, kraftvoll, eigenständig, unangepasst. Und sogar meiner Kinderlosigkeit, an der ich fast zerbrochen wäre, kann ich heute Positives abgewinnen. Es ist nicht nur negativ keine Kinder zu haben. Ich bin dankbar für ein buntes und intensives Leben voller Höhepunkte und Tiefschläge.

 Welche Lebensphase hast du als deine glücklichste empfunden?

Am glücklichsten bin ich immer im Jetzt. Jetzt im Moment sitze ich im Zug nach Wien. Ich genieße die an mir vorüberziehende Landschaft, freue mich auf meinen heutigen Unterricht, auf den Kontakt mit den jungen Auszubildenden, auf den Abend mit meiner besten Freundin. Jetzt. Immer jetzt. Jede Lebensphase bietet aus meiner Sicht Glück.

 

„Das schönste Geschenk meines Lebens war Liebe.“

 

Was war das schönste Geschenk, das du je bekommen hast?

Liebe. Das schönste Geschenk meines Lebens war Liebe. Zum Glück habe ich viel Liebe von vielen Menschen erhalten und ich durfte auch viel Liebe geben.

 Sind deine Lebensträume wahr geworden?

Wenn man unter Lebensträume die Träume der jungen Sonja meint, dann muss ich verneinen. Viele meiner damaligen Träume haben sich nicht erfüllt. Kümmert mich aber heute nicht. In meinem autobiografischen Buch „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“ gibt es ein Kapitel mit der Überschrift „Das Leben ist unberechenbar“. In meinem Leben sind jene Dinge, die ich unbedingt haben wollte, nie in Erfüllung gegangen. Dafür sind aber immer andere Türen aufgegangen, oft mit vielen Überraschungen. Ich vertraue darauf, dass alles seinen Sinn hat. Zu glauben wir könnten das Leben irgendwie bestimmen oder kontrollieren, ist eine Illusion.

 Wohin möchtest du noch reisen, was noch erleben, was noch lernen?

Ehrlich gesagt werde ich, je älter ich werde, immer freier von Wünschen und Plänen. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht, dass ich mit meinem Mann alt werden möchte. Sollte mir das nicht vergönnt sein, werde ich noch einmal eine krasse Lebensrichtungsänderung vornehmen. In welche Richtung, keine Ahnung. Außerdem würde ich gerne irgendwann einen Krimi schreiben, in dem eine exaltierte alte Frau die Mörderin ist.

 

„Ich möchte eine zufriedene, bunte, etwas schrullige und gesellige alte Frau werden.“

 

Wie stellst du dir dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?

Ich habe mir vorgenommen das Altern anzunehmen und mit den Veränderungen im hohen Alter leben zu lernen. Ich möchte eine zufriedene, bunte, etwas schrullige und gesellige alte Frau werden. Wie und wo und mit wem ich leben werde, wird die Zukunft weisen. Mir ist es wichtig offen und neugierig auf das Leben und auf Menschen zu bleiben.

Hast du Angst vor dem Tod?

Nein. Klingt jetzt pathetisch, aber ich halte den Tod für das Ziel unseres Lebens. Wir entwickeln uns das gesamte Leben und am Ende unseres Lebens stehen wir am Höhepunkt unserer geistigen Entwicklung, verstehen wir das Leben in seiner Gesamtheit. Dass wir genau dann diese Welt verlassen müssen, macht keinen Sinn. Ich vertraue daher darauf, dass am Ende ein neuer Anfang steht.

Ganz lieben Dank für dieses wunderbar positive Interview.

Sonja hat ein tolles Buch geschrieben 10 Dinge die ich von alten Menschen über das Leben lernte: Einsichten einer Altenpflegerin“* , dass ich euch nur ans Herz legen kann. Es ist absolut lesenswert.

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Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Karin und hallo Sonja,
    ein tolles Interview mit sehr interessanten Antworten. Vieles empfinde ich genauso. Ein Lob an euch beide.
    Schöne Grüße, Johanna

    Antworten

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