Seniorin – was ist das eigentlich?

Nächstes Jahr werde ich 65 und bin dann offiziell eine Seniorin. Noch nie hatte ich grössere Probleme mit dem älter werden, für mich war es immer nur eine Zahl, die nur am Rande etwas mit mir und meinem inneren Alter zu tun hat. Nun steckt mich die Gesellschaft in die Schublade “Seniorin” und dass ob ich will oder nicht.

Mein Bild von einer Seniorin, das ich von Jugend an habe, ist ein völlig anderes und entspricht in keinster Weise meinem Lebensgefühl. Senioren sind für mich alte Menschen, die längst aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind und sich nur noch wenig gesellschaftlich beteiligen können oder wollen. So war es jedenfalls zu Zeiten meiner Eltern und Großeltern.

Heute sind Menschen mit 65 nicht alt und das ist eigentlich in der Gesellschaft längst angekommen. Trotzdem werden wir immer noch in diese Schublade gesteckt. Das erreichte Rentenalter ist dafür auch längst kein Anhaltspunkt mehr. Der Zeitpunkt der Regelaltersgrenze verschiebt sich ja ständig nach oben und immer mehr von uns arbeiten weit über das gesetzliche Rentenalter hinaus. Die Gründe sind vielfältig: Einerseits reicht bei vielen die Rente einfach nicht aus, um ein Leben mit gesellschaftlicher Teilhabe zu führen, andererseits können die meisten von uns sich ein Leben ohne Arbeit noch nicht vorstellen. Die Zahl der Menschen, die über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten, steigt ständig an. Anders gesagt: Wir gehören zwar zu den älteren Menschen, aber noch lange nicht zu den Alten.

Zwar sieht unsere Gesellschaft das im Großen und Ganzen genau so, aber bei der Politik, in der Wirtschaft und in der Werbung scheint es noch nicht angekommen zu sein. Die Politik könnte der Wirtschaft auf die Sprünge helfen, in dem sie zum Beispiel Programme wie Altersteilzeit wieder aufleben läßt. Unsere Regierung könnte einiges dafür tun, Arbeitgebern das Weiterbeschäftigen oder das Einstellen von älteren Arbeitskräften schmackhaft zu machen und uns damit wieder mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen.

In der Werbung findet die Altersgruppe zwischen 50 und 75 so gut wie überhaupt nicht statt. Es sind die ganz jungen, dann die jungen Eltern und dann wieder die ganz alten Menschen um die Achtzig. Unsere Altersgruppe, die zu den geburtenstarken Jahrgängen gehört, ist in der Werbung nicht sichtbar. Werden Großeltern gezeigt, sind sie in der Regel so alt, dass ich sie eher als Urgroßeltern bezeichnen würde. Da ist noch immer ein uraltes Bild in den Köpfen, das es endlich auszurotten gilt. Die heutige Großelterngeneration trägt Jeans und Lederjacken und besucht Rock- oder Punkkonzerte. Wir können uns meist mit der heutigen Werbung nicht identifizieren und das kann ja nicht Sinn der Sache sein. Die über Sechzigjährigen stellen in Zukunft über 50 % der Bevölkerung mit etwa 80 % der Kaufkraft. Höchste Zeit also, uns aus der Schublade zu holen und umzudenken.

Foto: Maurice Kohl

 

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Wir sind da ,und wir sind viele ! Wie uns die Werbung sieht oder “die Gesellschaft” ist doch völlig wurscht. Entscheidend ist doch, wie wir uns definieren. Bei uns in Lübeck haben die “Alten”, die mit dem Seniorpass ,dafür gesorgt, dass eine wunderbare Baumallee an der Trave nicht für ein sinnloses Modernisierungsprojekt abgeholzt wurden. Wir sind viele, denkt daran bei allen politischen Entscheidungen.

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    • Die Gesellschaft sieht uns ja mittlerweile schon zum großen Teil mit anderen Augen. Das spüre ich immer wieder. Angekommen ist es nicht bei der Politik und in der Werbung, wobei mir die Werbung eigentlich schnuppe ist.

  2. Liebe Karin,
    wieder so ein großartiger Post. Ich frage zwar an der Kasse nach dem Seniorentarif seit ich 60 bin, sehe mich aber keineswegs als solche. Wobei der Begriff nichts negatives für mich ausdrückt. Du hast recht, das Bild der Senioren, das wir haben, stammt aus einer anderen Zeit. Wahrscheinlich sind wir gerade dabei es zu verändern. Unsere Kinder und Enkel werden ein anderes haben.
    Auch wenn wir nicht in der Werbung auftreten, sind wir doch Thema in vielen Zeitschriften. Wenn es darum geht, uns zu sagen, was wir tun oder lassen sollen. Seltsam, nicht wahr!?!
    Liebe Grüße
    Sabine

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  3. Recht hast Du. Wenn ich mir hin und wieder die Angebote für “Senioren” ansehe, bekomme ich schon ein leichtes Gruseln vor dem Sprung über die 60. Irgendwas über unser Lebensgefühl scheint da an Vereinen, Verbänden, Politik, Wirtschaft vorbeigegangen zu sein. Dabei sind wir ganz stark im Kommen die nächsten Jahre. Aufwachen, ihr alle da draußen. Oder besser, wir sorgen selbst dafür, dass wir wahrgenommen werden, genau so wie wir sind – aktiv und lebenslustig.

    Es grüßt Dich mit einem bisschen Angst vor der nächsten Hürde,
    aber das gibt sich
    Elvira

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