Sonntagsfragen an Birgit Faschinger-Reitsam

Birgit ist 55 Jahre alt und erfolgreiche Businessfrau. Sie ist verheiratet, Mutter zweier Söhne und passionierte Tangotänzerin. Was sie aber auch ist: Körpergefühlexpertin und Wohlstandscoach für Frauen. Zu ihrer Berufung kam sie über unsägliche Fußprobleme. Seitdem bloggt sie leidenschaftlich unter www.Draufgängerin.de über all die Themen, die wir aus Scham nur allzu gerne unter den Teppich kehren.

Ihr seht, eine überaus interessante Frau, von der wir heute ein wenig mehr erfahren:

 

„… als gäbe es ein Haltbarkeitsdatum für Lebenslust.“

 

Wenn du ans Älterwerden denkst, was ist für dich das Schönste, was das Schlimmste daran und was macht dir am meisten Angst?

Innerlich fühle ich mich jung, voller Tatendrang, habe Lust, verrückte Sachen auszuprobieren. Was mich nachdenklich macht: Dass dieses Gefühl von innerer Jugendlichkeit bei allen angelegt ist aber nicht gepflegt wird. Ich selbst ertappe mich manchmal dabei, pflichtschuldig und normal zu denken. Das sind Situationen, bei denen man allzu schnell versucht ist, in die Schublade des „immer noch“ zu greifen. Mit 60 Jahren – immer noch sportlich sein, eine gute Figur haben, interessiert an Kultur/Politik/Sex/Mode zu sein -. Implizit wartet man also darauf, dass sich das in absehbarer Zeit zum Schlechteren ändert, als gäbe es ein Haltbarkeitsdatum für Lebenslust.
Dann fühle ich mich schlagartig älter. Die Freude ist weg.
Für mich ist „Altern“ ein Konzept. Es macht einfach einen gewaltigen Unterschied, ob wir eine Frau jenseits der 70 immer noch attraktiv finden oder auf das „immer noch“ verzichten können. Die Frau ist schön. Punkt. Denn diese Betrachtungsweise macht uns selbst alt. Darauf habe ich keine Lust. Deshalb finde ich es bereichernd, mich mit inspirierenden Menschen zu umgeben.

Welche Vorteile siehst du in deinem Alter gegenüber der jungen Generation?

Mit 50Plus fühle ich mich nicht mehr ständig beobachtet und versucht, mich mit viel Energie von meiner besten Seite zu zeigen und in allem gut oder schlimmer noch: perfekt – zu sein. Ich habe die Einsicht gewonnen, es kuckt sowieso keiner so genau hin, da jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Diese Erkenntnis gibt Freiraum, Gelassenheit, ja sogar Lässigkeit und Sexyness. Ich denke, dass uns das Würde verleiht.

Was war deine schönste und was deine schlimmste Erfahrung in deinem bisherigen Leben?

Die schlimmsten Erfahrungen waren die besten. Im Nachhinein. Immer. Schlimm waren Situationen für mich immer dann, wenn ich mein Herz verschlossen habe um mich zu schützen. Wenn ich dann endlich den Mut aufbrachte, mich für die Erfahrung zu öffnen, waren das Momente tiefer Freude. Jetzt nehme ich mir sogar die Freiheit, darüber zu schreiben.

 

„…bisher bin ich den schmerzvollen Weg gegangen.“

 

Welche Lebensphase hast du als deine glücklichste empfunden?

Jetzt. Denn bisher bin ich den schmerzvollen Weg gegangen. Seltsam. Ich dachte, das müsste so sein. Muss es aber definitiv nicht. Ich war erfolgreich, habe mich dafür aber immer sehr angestrengt und fühlte mich getrieben.
Vor ca. einem Jahr habe ich mich für den Weg des JA entschieden. Und ich staune, was sich alles ereignet, von allein und ohne Kampf. So ist mir zum Beispiel mein Buch „Wenn Tango Leiden schaf(f)t“ aus der Feder geflossen. Die Erfahrungen, die ich mit dem Schreiben und Veröffentlichen gemacht habe, waren sehr bereichernd.

 

„Dass ich täglich Geschenke bekomme, sie aber wie „dreckige Socken behandle und über sie hinwegsteige“

 

Was war das schönste Geschenk, das du je bekommen hast?

Ich durfte mal zu einer besonderen Einsicht kommen: „Dass ich täglich Geschenke bekomme, sie aber wie „dreckige Socken behandle und über sie hinwegsteige“. Das schönste Geschenk kann ich also immer nur im Jetzt erkennen. Seitdem bin ich dankbarer und bewusster für die kleinen und manchmal auch sehr großen Dinge des Lebens.

Sind deine Lebensträume wahr geworden?

Mehr als das. Ich habe erkannt, dass ich mir zu niedrige Ziele gesetzt habe. Mir bisher nicht die Mühe gemacht habe, wirklich groß zu denken. Mein Lebenstraum ist es, in meine Größe zu kommen und meine Berufung zu leben.

Wohin möchtest du noch reisen, was noch erleben, was noch lernen?

Ich will mehr nach innen reisen. Täglich meditieren gehört dazu. Mich interessieren die Verbindungspunkte zwischen Körper, Geist und Seele. Das will ich noch tiefer erforschen und auch ertanzen. Das Thema, in die weibliche Kraft zu kommen, fasziniert mich. Und Freundschaften auf tieferer Ebene pflegen. Im außen bereise ich demnächst Marokko.

Wie stellst du dir dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?

Genussvoll Tango tanzen, Schreiben, Seminare halten. Mich an schönen Dingen erfreuen. Mich einlassen auf Dinge, für die ich jetzt noch nicht bereit bin.

Hast du Angst vor dem Tod?

Nein. Und auch nicht vor dem Sterben.

 

Viele Dank für das Interview liebe Birgit. Es hat mich einerseits sehr zum Nachdenken angeregt und andererseits zu der Erkenntnis gebracht, unbedingt wieder zu tanzen.

 

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