Die Generation 60 plus – wie wir wurden, was wir sind

Foto: Maurice Kohl

Im Krieg oder nach dem Krieg geboren, wuchsen wir meist in bescheidenen Verhältnissen auf. Da es aber den meisten von uns genauso erging, kannten wir es nicht anders und waren deshalb nicht unglücklich. Unsere Eltern waren traumatisiert vom Krieg und, im wahrsten Sinne des Wortes, sprachlos.

Die Folge war, dass wir Kinder nebenher liefen und unsere Bedürfnisse nicht wichtig genommen wurden. Zu sehr waren unsere Eltern, wenn auch unbewußt, mit sich selbst beschäftigt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Psyche. Vorteile gab es natürlich auch: Wir lernten uns mit uns selbst zu beschäftigen, glichen mangelndes Spielzeug mit Phantasie und Kreativität aus. Ich spielte zum Beispiel gerne mit der Knopfkiste meiner Oma und freute mich über Stoffreste, die ich im Kaufhaus geschenkt bekam. Wir Kinder im Haus bauten uns Zelte aus Betttüchern, hatten immer Ideen und langweilten uns nie.

Die sprachlose Generation

Über die Nazizeit wurde nirgendwo gesprochen, nicht zu Hause und auch nicht in den Schulen. Im Unterricht kam diese Zeit erst Mitte der 60er Jahre zur Sprache. Aber hier auch nur als Teil der Geschichte und wenig tiefgehend. Eine ganze Generation schwieg und wollte nur noch in einer heilen Welt leben. Wir Kinder spürten aber unterschwellig, dass da etwas war, etwas schlimmes, über das keiner redete.

Viele Nazis waren auf einmal wieder Lehrer, Beamte, Richter und sogar Politiker. Die konservative Denkweise der Vorkriegsjahre setzte sich bis fast in die 70er Jahre fort. Neues war nicht erwünscht, wurde abgelehnt. Das alles bestimmte auch unsere Denkweise in der Kindheit. Die Erziehung war meist autoritär und prüde. Die Prügelstrafe war, sowohl im Elternhaus, als auch in der Schule, nicht die Ausnahme. Fragen an die Eltern blieben unbeantwortet. Bei mir war die Bemerkung: “Das erzähle ich dir, wenn du groß bist” obligatorisch, also hörten wir auf zu fragen. Die Geschlechterrollen waren streng verteilt. Der Mann hatte das Sagen und die Frau sich zu fügen. So durften wir bis weit in die 70er Jahre nicht ohne die Einwilligung des Ehemannes arbeiten.

Die wilden 60er Jahre

Mitte der 60er Jahre allerdings begehrte die Jugend auf gegen die Vergangenheit, den Mief und die verlogene Prüderie in der Gesellschaft. Alles wurde angezweifelt, gegen alles demonstriert. Wir wollten einfach nicht sein, wie unsere Eltern. Wir wollten frei sein und eine friedlichere Welt gestalten. Gelungen ist uns das leider nicht. Diese kämpferische Zeit fand ihren Höhepunkt 1967 in blutigen Straßenkämpfen mit einer ungeheuren Polizeibrutalität. Der Student Benno Ohnesorg wurde getötet und versetzte das Land in einen Schockzustand.

Es gab mit der Pille endlich ein verlässliches Verhütungsmittel, das uns jungen Mädchen und Frauen eine große Last von den Schultern nahm. Die Einführung der Pille war der Beginn der sexuellen Revolution und versetzte uns Frauen in die Lage, auch vor der Ehe Erfahrungen zu sammeln.

Leben mit Veränderung

Das Elektronikzeitalter verlangte uns später privat und beruflich einiges ab. Manche von uns schafften es Schritt zu halten, andere nicht. Wir sind wohl die erste Generation in der gesamten Menschheitsgeschichte, die die meisten Veränderungen gelebt und erlebt hat.

Jedenfalls haben gerade die Zeiten unserer Kindheit und Jugend uns stark geprägt. Wir sind mit den Rolling Stones groß geworden und lassen uns in keine Schublade stecken. Der Unterschied zwischen unserem Leben und dem Leben unserer Eltern könnte grösser nicht sein. Unsere Welt, in der wir heute leben, unterscheidet sich eklatant von der unserer Vorfahren. Die jungen Leute geniessen heute alle Vorteile, die unsere Generation für sie erkämpft hat. Es sei ihnen gegönnt. Allerdings vermisse ich heute ein wenig mehr Kampfgeist. Genug Gründe auf die Straße zu gehen, Unmut kund zu tun und Veränderungen einzufordern, gibt es immer noch.

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