Sonntagsfragen an Monika Murphy-Witt

Liebe Monika, ich freue mich, dass du bei meiner kleinen Interviewreihe mitmachst. Stelle dich uns bitte kurz vor:

Ich bin Sozialwissenschaftlerin und ganzheitliche Gesundheitsberaterin, Journalistin und Autorin, glücklich verheiratet und Mutter zweier toller erwachsener Kinder; mehr zu mir unter http://www.murphy-witt.de und  http://lucky-aging.de/lucky-me/. Blog: www.lucky-aging.de

Wie alt bist du und (auf einer Skala von eins bis hundert) wie alt fühlst du dich?

60+. Genau 61 – aber mit der richtigen Musik wie den Stones oder Janis Joplin fühle ich mich wieder wie 20.

Was fällt dir als erstes an positiven und an negativen Dingen ein, wenn du an Menschen über 60 denkst?

Die Neugier und die Abenteuerlust, die in vielen noch steckt. Neues entdecken, in fernen Ländern oder vor der Haustür, Neues ausprobieren und sich auf Unbekanntes einlassen – das flammt oft noch einmal auf, wenn der berufliche Alltag nicht mehr so viel Raum im Leben beansprucht. Leider siegt bei vielen dann oft die Bequemlichkeit. Statt alt eingefahrene Pfade zu verlassen, bleiben sie in der Komfortzone, und die tollste Idee erstickt im Keim.

 

Wie viel davon ist Vermutung oder Vorurteil, Beobachtung oder selbst erlebt?

Ich versuche, Menschen aller Altersgruppen vorurteilsfrei zu begegnen. Leider werden Vermutungen, die aus Gesprächen und Beobachtungen erwachsen, sehr, sehr oft bestätigt. Die Menschenkenntnis nimmt mit den Jahren einfach ebenso zu wie die Faltentiefe. ·

Was heißt Älterwerden für dich? Macht es dir Angst?

Die Ernte meines Lebens einfahren und von dem profitieren, was ich in jungen und mittleren Jahren gesät habe. Aber auch mich noch weiter zu entwickeln und die Fülle meiner bisher gemachten Erfahrungen dafür zu nutzen, bis zum Schluss – hoffentlich – geistig und spirituell zu wachsen und zu reifen. Das wünsche ich mir von ganzem Herzen. Und so lange ich das kann, macht mir nichts Angst.  ·

Wo siehst du dich nächstes Jahr, in fünf oder in zehn Jahren?

Nächstes Jahr sicher noch hier am Schreibtisch, in fünf vermutlich häufiger auf Reisen als bisher. Und in zehn? Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken.  ·

Wie viel Erfolg/Erfahrung hattest du bisher damit, dein Leben zu planen, was hat geklappt und was nicht?

Planen ist gut, dabei aber flexibel und spontan zu bleiben ist noch besser. Das Leben ist keine Excel-Tabelle. Nur wer den Mut hat, alle Planungen über Nacht über den Haufen zu werfen, dem gelingt es, trotz unvorhergesehener Ereignisse den Alltag zu meistern und das Optimum für sich herauszuholen. Ob mit Kindern, beim Hausbau, im Job, auf Reisen, bei allen noch so guten Planungen kommt meist das Leben dazwischen – und das muss nicht immer das Schlechteste sein 😉 ·

Gibt es deiner Meinung nach Tabuthemen rund um ältere Menschen und was wäre für dich interessant zu erfahren?

Ein ganz großes Tabuthema ist sicher der Alkoholkonsum. Da wird vieles unten den Teppich gekehrt und verharmlost, obwohl es grenzwertig und gesundheitsschädlich ist. Ein anderes Tabuthema ist sicher das Geld ­– gerade bei Frauen. Renten, die so klein sind, dass sie nicht zum Leben, geschweige denn zum guten Leben reichen. Aber kaum jemand sagt: Das kann ich mir nicht leisten, eher werden Ausreden benutzt. Da ist viel Scham im Spiel.  ·

Warum, glaubst du, bleiben wir heute so viel jünger als frühere Generationen? Oder ist das nur ein Gerücht?

Zum einen haben wir hier in Deutschland im Vergleich zu früheren Generationen ein sehr privilegiertes Leben. Jedenfalls viele von uns. Wir können uns gesund ernähren, wohnen in guten Verhältnissen, kommen in den Genuss einer hochwertigen medizinischen Versorgung und haben viele Möglichkeiten, persönlichen Interessen und Bedürfnissen nachzugehen und an sozialen wie kulturellen Angeboten teilzuhaben. Das alles hat nachweislich einen lebensverlängernden Effekt. Zum anderen sind gerade wir, die Babyboomer, die erste Generation, die traditionelle Rollen- und Altersbilder allmählich über Bord wirft und auch in höherem Alter noch etwas vom Leben haben möchte. Das hält natürlich eher jung, als sich mit Eintritt ins Rentenalter passiv hinterm Fernseher zu verkriechen. 

Fühlst du dich angesprochen, wenn Werbung auf deine angebliche „Altersgruppe“ zugeschnitten ist oder ist das eher lustig? Wie müsste Werbung aussehen, damit sie wirklich dich betrifft?

Fast ausnahmslos ist Werbung für uns sogenannte „Best Ager“ eine Unverschämtheit. Fotos mit Menschen, die wesentlich jünger sind, damit sie „besser“ aussehen, in Kombi mit Themen, die eher für 80-jährige relevant sind. Aber was erwarten wir von dem hippen Mittzwanziger-Agenturvolk? Was mich wundert ist, dass Firmen für solche Kampagnen Geld ausgeben. Punkten können sie damit bei uns als zahlungskräftiger Zielgruppe sicher nicht. Mehr dazu habe ich unter http://lucky-aging.de/2016/08/18/seniorin-bloss-nicht/  und http://lucky-aging.de/2016/02/21/seniorenrabatte-nein-danke/ geschrieben.  ·

Was tust du konkret, um jung zu bleiben?

Neugierig sein und mich immer wieder mit neuen Dingen auseinandersetzen. Spannend ist vieles, was die Kinder aus ihrem Alltag berichten. Davon können wir „Alte“ viel lernen. Reisen, andere Länder und Kulturen entdecken, ist ebenfalls super. Na ja, und dann bemühe ich mich, gut – oder besser als in jüngeren Jahren 😉 – für mich und meine Gesundheit zu sorgen. Wir können selbst viel dazu beitragen, um diese Erntezeit der reifen Jahre genuss- und freudvoll zu gestalten. Und so glücklich, gelassen und gesund zu bleiben.

Meine Liebe, da kommen eine Menge Anregungen zum Nachdenken und für neue Beiträge von dir. Über Alkoholprobleme im Alter hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, weil in meinem Umkreis kein Thema. Aber stimmt, das ist sicher ein grosses Thema.

Ich stehe durch meine Krankheit kurz vor der (Schwerbhinderten-) Rente. Ich habe mich erst einmal erschrocken, als ich die Rentenhöhe erfahren habe. Darüber wird es in nächster Zeit, wenn ich die ganz genauen Zahlen habe, einen Beitrag bei mir geben. Ich finde nämlich, hier sollte es keine Scham geben. Was der Staat uns hier, nach vielen Jahren Arbeit anbietet, ist nämlich eine Unverschämtheit und gar kein Grund zum schämen.

Ganz herzlichen Dank!

 

 

 

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin, liebe Monika,
    ja, viel Stoff zum Nachdenken, in der Tat! Vielen Dank für dieses Interview euch beiden! Und für Sätze wie „Das Leben ist keine Excel-Tabelle“ oder das Wort „Scham“ … Das ist nämlich auch mein Eindruck: So selten ich dieses Wort normalerweise verwende, im Zusammenhang mit dem Wahrnehmen verschiedener Aspekte des Älterwerdens gerät es auch mir immer mal wieder ins Blickfeld. Leider. Und dann oft ziemlich nachdrücklich … Es gibt noch so viel, über das wir reden, schreiben, nachdenken können und sollten. Aber in einer so wundervollen Gemeinschaft wie beispielsweise mit euch ist das für mich keine Drohung, sondern ein Versprechen 😉

    Herzliche Grüße
    Maria, die Texthandwerkerin

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