Sonntagsfragen an Johanna Gehrlein

Johanna gehört zu den Frauen, die mit Mitte 50 noch einmal etwas ganz neues angefangen haben. Sie eröffnete einen Onlineshop für Dekoartikel. Deshalb war ich auch ganz gespannt auf ihre Antworten zu meinen Sonntagsfragen.

Liebe Johanna, stell dich meinen Lesern bitte kurz vor:

Ich bin Johanna Gehrlein, 60 Jahre alt, geschieden, zwei erwachsene Kinder, drei Katzen. Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann und langjähriger Tätigkeit als Sekretärin in Banken habe ich eine lange  Pause während der Kindererziehungszeit gemacht. In dieser Zeit war ich sehr kreativ mit Malen, Handwerken, Gärtnern und habe viel Zeit in die Familienforschung und das Sammeln von Rosenbestecken gesteckt. Genau diese Mischung ermöglichte mir dann, über dieses Sammelgebiet ein Buch zu schreiben, das ich unter dem Titel Rosen-Bestecke im Eigenverlag herausgebracht habe.

„Nach der Scheidung musste ich mir überlegen, wie ich in meinem Alter noch Geld verdienen kann…“

 

In dieser Zeit begann ich auch mit dem Bloggen unter  www.silber-rosen.blogspot.de, zuerst rein privat und über mein Buch. Nach der Scheidung musste ich mir überlegen, wie ich in meinem Alter noch Geld verdienen kann und möchte, deshalb eröffnete ich 2012 meinen Onlinehandel www.Silber-und-Rosen-Shop.de, und das hat natürlich auch meinen Blog beeinflusst.

Wenn du ans Älterwerden denkst, was ist für dich das Schönste, was das Schlimmste daran und was macht dir am meisten Angst?

Das Schönste für mich ist in meinem Alter die Freiheit, über mein Leben selbst bestimmen zu können. Mit einem kleinen, aber ausreichenden Auskommen kann ich es mir heute leisten, meiner Berufung zu folgen und mich mit Themen zu beschäftigten, die mir Freude machen. Schön ist für mich auch, dass ich mich persönlich angenommen habe mit allen Zeichen des Alters. Ich muss mit meinem Aussehen und meinem Leben nur noch meine eigenen Erwartungen erfüllen. Ich lebe also mein Leben nach meinem Tempo und meinen Wünschen.

Schlimmes gibt es am Alter an sich nichts für mich. Krankheit und Siechtum trifft auch junge Leute. Und Angst? Die meiste Angst hat man, bevor ein Problem konkret wird. Konkrete Probleme ermöglichen konkrete Pläne zur Bewältigung. Deshalb gilt für mich: Immer das Problem erst mal rankommen lassen. Es treten nicht alle Katastophen ein. Das einzige, was ich im Alter aufmerksam verfolge, ist die schwindende Anzahl guter Lebensjahre, die es nun gut zu nutzen gilt.

Welche Vorteile siehst du in deinem Alter gegenüber der jungen Generation?

Der Vorteil des Einen ist der Nachteil des Anderen. Was könnte ich durch mein Alter für einen Vorteil einer ganzen Generation gegenüber haben? Ich habe positive Veränderungen im Alter gegenüber mir selbst in jungen Jahren. Ich bin gelassener geworden. Ich habe erlebt, dass das Leben immer noch etwas Positives auf Lager hat, auch wenn man es zeitweise nicht glauben mag.

„Aber wir brauchen auch schlimme Erfahrungen. Nur daraus erwachsen Stärke und Kraft…“

 

Was war deine schönste und was deine schlimmste Erfahrung in deinem privaten Leben?

Mit 60 Jahren schaut man auf viele Erfahrungen zurück. Was man im Moment des Geschehens als schönste Erfahrung empfand, verliert  im Rückblick oft erheblich an Glanz. Ist es deswegen weniger schön gewesen? Kann man Außenstehenden  in einem Satz nahebringen, was einen damals zu dieser jubeljauchzenden Empfindung brachte? Die nachhaltig schönste Erfahrung ist für mich, dass man auch unerreichbar scheinende Ziele erreichen kann, wenn man dran glaubt und zu entsprechenden Anstrengungen bereit ist. Dass nach Schatten immer wieder Licht kommt.

Auch die schlimmen Erlebnisse verändern sich vom Moment des Geschehens bis zum Rückblick. Manche schlimme frühe Erfahrung wirkt erst harmlos, wirft aber bis ins Alter ihre Schatten. Eine schlimme Erfahrung war für mich auch, als mein Mann sich nach rund 30 Jahren Ehe einer anderen Frau zuwandte. Das hat damals mein Leben auf den Kopf gestellt, bis ich loslassen konnte. Aber wir brauchen auch schlimme Erfahrungen. Nur daraus erwachsen Stärke und Kraft, wie man sie nur mit guten Erfahrungen nicht bekommen kann.

Welche Lebensphase hast du als deine glücklichste empfunden?

Alle Aufbauphasen machen mich glücklich. Einer der glücklichsten Lebensphasen begann mit dem Anruf, dass wir unser erstes Kind zur Adoption bekommen. Die folgenden Jahre waren geprägt von Freude, Fürsorge  und Liebe für das Kind, das unsere Liebe herzlich erwidert. Nicht selbstverständlich, wie ich später lernte. Eine weitere glückliche Phase war die jahrelange Recherchearbeit für mein Buch Rosen-Bestecke, die mir viele Begegnungen und Gespräche mit  interessanten Menschen brachte und ungeahnte Einblicke in die Silberverarbeitung der vergangenen Jahrzehnte schenkte.

Auch aktuell habe ich eine glückliche Zeit, in der ich mich ganz meiner Leidenschaft für Tischdeko widmen kann, die ich über meinen Onlinehandel  verkaufe.

Was war das schönste Geschenk, das du je bekommen hast?

Was macht ein Geschenk zum Schönsten? Die Liebe, mit der der Schenkende aussucht und überreicht. Das Staunen, wenn man die Verpackung  öffnet und unverhofft sieht, dass man dem anderen etwas Wunderschönes wert war. In meinem Fall brachte mir mein Mann einen goldenen indischen Filigranarmreif von einer Reise mit. Es war das Geschenk, bei dem ich seine Liebe beim Überreichen am meisten gespürt habe.

„Auch wenn sich vieles verändert hat, die vergangene gute Zeit kann mir keiner nehmen.“

 

Sind deine Lebensträume wahr geworden?

Ja, das sind sie. Allerdings habe ich gemogelt, denn ich habe lebenslang  immer wieder Kurskorrekturen gemacht. Und das muss man auch. Wie bei einem Schiff auf hoher See kann man die Fremdeinflüsse auf die Route nicht vorher berechnen. Und manchmal muss man seine Traumziele  auch ins Machbare verlegen. Mein Traum, eine Familie zu gründen, Kinder zu haben und ein Häuschen mit Garten zu bewohnen, ist wahr geworden. Auch wenn sich vieles verändert hat, die vergangene gute Zeit kann mir keiner nehmen. Mit zunehmendem Alter hat man nicht mehr so große und weit reichende Lebensträume. Aber mit den passenden Kurskorrekturen hoffe ich, auch diese noch zu erreichen.

Wohin möchtest du noch reisen, was noch erleben, was noch lernen?

In der Vergangenheit war ich eher Mitreisender, ohne große Erwartungen an die Reisen. Einige Reisen waren traumhaft, andere weniger.  Reisepläne habe ich keine, zu sehr hänge ich an meinem Zuhause. Und wenn ich die politischen Veränderungen in der Welt sehe, reizt mich das Reisen noch weniger.

Erleben würde ich gerne noch, dass mein Geschäft mir ein ausreichendes Auskommen über die nächsten Jahrzehnte sichert, denn von der Rente werde ich später, wie viele andere, nur knapp leben können. Erleben würde ich auch gerne noch, dass ich mein zweites Buchprojekt über die Geschichte der Silberwarenmanufakturen von Hanau wieder aufnehmen könnte, das durch die familiären Veränderungen gestoppt wurde. Das Material dafür liegt seit Jahren in den Schubladen.

Lernen würde ich gerne noch CAD-Zeichnen und die Bedienung eines 3D-Druckers. Das würde mir so viele neue kreative Möglichkeiten eröffnen.

„Diese Jahre will ich nutzen, so zu leben, wie es mir gefällt.“

 

Wie stellst du dir dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?

Ich hoffe, dass ich gesund bleibe. Das ist die Basis für alle Pläne. Nicht alle Menschen werden 90 oder 100. Wenn ich plane, rechne ich mit rund 20 guten Jahren, die noch vor mir liegen. Danach ist jedes Jahr, das man noch selbstbestimmt und in Eigenverantwortung leben kann, ein Geschenk. Diese Jahre will ich nutzen, so zu leben, wie es mir gefällt. All das zu tun, was ich möchte und zu lassen, was ich nicht möchte. Und wenn es vorbei ist mit dem selbstbestimmten Leben, hoffe ich, dass ich mich gut auf die Veränderungen einlassen kann und dass die Menschen mit mir fürsorglich umgehen werden.

Hast du Angst vor dem Tod?

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Zumindest nicht jetzt. Aufgrund vieler Veröffentlichungen und Studien zu den Nahtoderlebnissen glaube ich, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Auch in anderen Religionen wird das gelehrt. Ich glaube, dass da was dran ist. Ich hoffe, dass ich im Augenblick meines Todes nichts an meinem Leben bedauern muss. Daran arbeite ich.

Johanna, vielen Dank für deine ehrlichen Antworten. Ich hoffe, deine Wünsche für die Zukunft erfüllen sich und du hast die Kraft, noch zu lernen, was du lernen möchtest.

 

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Karin Ausmeyer,
    danke für das Interview und die interessanten Fragen, über deren Beantwortung ich beim Nachdenken auch wieder neue Anregungen bekam. Nur eine Kleinigkeit ist im Text irrefürend. Unter der Frage: Wie stellst du dir dein Leben mit 70, 80 oder älter vor?, muss es heißen …All das zu tun, was ich möchte und „zu lassen“ (statt zulassen), was ich nicht möchte.
    Schönen Sonntag und liebe Grüße,
    Johanna

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


CommentLuv badge