Wenn man weiss, dass Träume Träume bleiben – Teil 3

Wie bereits in Teil 1 und Teil 2 beschrieben, stand bei mir mit Mitte 30 wieder einmal alles auf Anfang. Zunächst einmal hatte ich von Männern die Nase voll und noch einmal zu heiraten erschien mir ausgeschlossen.

Nun konzentrierte ich mich vor allem auf meinen Beruf. Ich arbeitete als Sekretärin des Technischen Leiters einer Baufirma, die leider gerade in Insolvenz gegangen war. Ein Unglück kommt halt selten allein. Nach einer kurzen Stippvisite als Sekretärin eines Ingenieurs, wechselte ich in den Vertrieb einer grossen IT-Firma in Düsseldorf. Das brachte mich finanziell extrem weiter und auch die Art der Arbeit gefiel mir gut. Vorher kannte ich Computer nur als dialogorientierte Geräte mit grossem Rechenzentrum bzw. als Schreibmaschine mit kleinen Floskelnspeichern. Hier kam ich mit der ersten Generation der Personal Computer in Berührung. Die Arbeit mit der damals neuen Technik machte mir enorm viel Spaß.

Zum ersten Mal im Leben lebte ich allein und ich mochte es. Ich hatte die eine oder andere Verabredung. Allerdings gingen mir die Männer nach spätestens einer halben Stunde bereits auf die Nerven. Ich war extrem kritisch (gebranntes Kind und so) und anspruchsvoll geworden.

Zu meinem Job gehörte auch der Dienst auf den unterschiedlichsten Messen. Die Messezeiten wurde von unserer Firma sehr zelebriert und die Feste zur Halbzeit und zum Abschluß waren legendär. Der Vertrieb feierte sich selbst, so wie es in dieser Branche damals üblich war.

Nach 4 Jahren Singlezeit lernte ich auf der Imprinta in Düsseldorf meinen Bielefelder Kollegen Bernd kennen. Die Messemannschaft traf sich am Abend zum Essen bei unserem Stammitaliener. Bernds Stimme war das Erste, was mir auffiel. Sonor und tief hatte er das zeug zum Starsprecher jedes Radiosenders. Aufmerksam geworden nahm ich auch den Mann wahr. Groß, breit, dunkelhaarig mit melancholischen braunen Augen und die hatten wir ab sofort nur noch füreinander. Wir unterhielten und den ganzen Abend und blendeten alles andere aus. Inzwischen hatte ich erfahren, dass Bernd verheiratet war. Er hatte mir erzählt, dass er eine schei… Ehe führte und ich dachte: „Das sagen sie alle!“. Verheiratet, das ging gar nicht.

Unsere ganze Truppe zog nach dem Fest am letzten Messeabend durch die Düsseldorfer Altstadt. Im Inneren war für mich das der letzte Abend gemeinsam mit ihm. Er sollte zurück gehen in seine Welt mit Frau und halbwüchsigem Sohn. Das dachte ich, bis ein anderer Kollege mit mir redete: „Hol ihn da raus“, sagte er und erzählte von den Krächen, der alkoholabhängigen Ehefrau und davon, dass Bernd keineswegs gelogen hatte. Männer gehen meist erst aus einer kaputten Partnerschaft, wenn jemand anderes da ist.

Wieder im Alltagsleben angekommen, telefonierten wir täglich. Er war geschäftlich viel unterwegs und beendete seine Geschäftsreisen meist mit einem Besuch bei mir. In dieser Zeit stellte ich fest, dass ich zur Geliebten nicht geschaffen war und stellte ihn vor die Wahl. Er hatte ein schlechtes Gewissen seiner „kranken“ Frau gegenüber und wollte seinen Sohn nicht im Stich lassen. Letzteres stellte sich als Irrtum heraus, denn sein Sohn sagte später einmal, dass er besser früher gegangen wäre. Er konnte die ständigen Kräche seiner Eltern nicht ertragen. Aber erst einmal war es anders. Wir trennten uns und ich litt. Fast 3 Jahre sahen wir uns nicht.

Inzwischen hatte ich in den Vertrieb des grössten deutschen Leasingunternehmens gewechselt. Beruflich ging es mir grossartig. Ich lernte viel Neues und das zahlte sich aus. Doch Bernd ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Kein anderer Mann interessierte mich wirklich. Eines Tages hatte ich einen Traum und sah ihn ertrinkend im Wasser. Vielleicht brauchte er Hilfe, wer weiß? Ich schrieb ihm ein Gedicht, ohne Absender und nur mit meiner geschäftlichen Telefonnummer versehen, die er ja nicht kannte. Er aber wusste sofort Bescheid und meldete sich umgehend. Lange Rede, kurzer Sinn, wir sahen uns wieder und zogen dann relativ schnell zusammen. Drei Jahre später machten wir uns gemeinsam selbstständig.

Er war die Liebe meines Lebens, aber das Glück war nicht von langer Dauer. Bernd war Diplom-Informatiker und wir betrieben eine IT-Firma. Mitten in unsere Aufbauzeit fiel die IT-Krise, die es uns von Anfang an schwer machte. Bernds Gesundheitszustand wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Als er sich dann endlich untersuchen ließ, weil er an einem Silvesterabend fast erstickt wäre, stellte sich heraus, dass er an COPD erkrankt war und das im letzten Stadium. Diese Krankheit ist nicht heilbar. Immer weniger konnte er arbeiten und wir waren gezwungen Insolvenz anzumelden. Das Schlimmmste aber war, dass mit Bernds Erkrankung klar war, dass er nicht mehr lange leben würde.

Inzwischen war Bernd EU-Rentner geworden. Die Rente war durch Studium, erste Ehe und Selbstständigkeit so klein, dass sie noch nicht einmal für die Miete reichte. Ich war Mitte 50 und die Chance auf einen vernünftigen Arbeitsplatz entsprechend klein. Aber irgendetwas musste ich tun. ich beschloss relativ schnell, mich als Webdesignerin selbstständig zu machen. Einige Webseiten hatte ich bereits erstellt, konnte ein wenig HTML programmieren und diese Arbeit machte Spaß. Ich war sicher, ich konnte den Rest lernen, wie so oft in meinem Leben. Ich arbeitete im Homeoffice, so dass ich in der Nähe meines kranken Mannes sein konnte. Vier Jahre ging das sehr gut. Ich konnte unseren Unterhalt verdienen und so wie Bernd konnte, half er mir dabei.

Doch dann ging alles sehr schnell. Bernd nahm innerhalb kürzester Zeit 30 kg ab. Er kam ins Krankenhaus und es wurde Krebs mit Metastasen im ganzen Körper diagnostiziert. 2 Monate nach der Diagnose war er tot – darüber habe ich ausführlich an anderer Stelle berichtet. Ich zog zurück in meine Heimatstadt Köln und als ich mich gerade in meinem neuen Leben eingerichtet hatte, erkrankte ich selbst an Krebs.

Ihr seht, alle Träume und Pläne geplatzt und das sage ich ohne Selbstmitleid.

„Et is wie et is“

sagen wir Kölner.

Das Leben hat mir Narben zugefügt und mich nicht mehr an die Erfüllung des Traums einer tollen Partnerschaft bis ans Lebensende und an ein sorgloses Leben glauben lassen. Immerhin durfte ich 17 Jahre Ehe mit einem wunderbaren Menschen erleben und dafür bin ich dankbar. Das Leben hat mich nicht brechen können. Ich bin neugierig geblieben, neugierig auf neue Träume und auf den Rest meines Lebens. Die Wunden, die es geschlagen hat, werden verarbeitet und werden heilen.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Das tut mir wirklich leid, dass der Mann, der am besten zu dir passte, dann so schnell krank wurde und starb. Ich sehe es auch so, wie du schon richtig schriebst, dass wir für unser eigenes Glück verantwortlich sind. Es gibt viele, die bis ins hohe Alter zusammen leben, aber nur wenige, die dabei glücklich sind. Wer ohne Partner lebt, hat den Vorteil des selbstbestimmten Lebens. Das ist nicht das Schlechteste!
    glg Johanna

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