Wie ich völlig versehentlich zum Vereinsmenschen wurde
Während eines gemütlichen Abends mit meiner Freundin – wann genau das war, weiß ich schon nicht mehr – kamen wir auf unseren Freundes- und Bekanntenkreis zu sprechen. Dabei stellten wir fest, dass die meisten Menschen darin deutlich älter sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Eigentlich keine Überraschung, schließlich gehören wir selbst nicht mehr zur Generation TikTok.
Trotzdem fehlte uns etwas, der Kontakt zu jüngeren Menschen. Ich finde, wenn man nur noch mit Gleichaltrigen oder Älteren zu tun hat, verliert man leicht den Anschluss. Man bekommt nicht mehr mit, wie junge Leute denken, was sie beschäftigt und wie ihr Alltag aussieht.
Meine Freundin hatte bereits einen ersten Schritt getan und liest ehrenamtlich Kindergarten- und Vorschulkindern vor. Eine wunderbare Sache – für tiefschürfende Diskussionen über Politik, Gesellschaft oder die Tücken des Älterwerdens sind Fünfjährige allerdings nur bedingt geeignet.
Der Wunsch nach neuen Perspektiven
Also begann ich, mich in meinem Veedel umzuschauen. Traditionell ist hier immer viel los. Es gibt Vereine und Initiativen für nahezu alles: helfen, organisieren, feiern, gestalten, man muss nur die Augen offenhalten.
Zunächst stieß ich auf das Seniorennetzwerk, das dringend jemanden für die Betreuung seiner in die Jahre gekommenen Website suchte. Da konnte ich helfen. Ehrenamtlich, versteht sich – schließlich braucht nicht jede sinnvolle Aufgabe einen Arbeitsvertrag. Inzwischen kümmere ich mich um die Seite und unterstütze auch bei Veranstaltungen.
Ein Aushang auf dem Marktplatz
Dann entdeckte ich eines Tages auf dem Marktplatz einen Aushang. Die Bürgervereinigung suchte ebenfalls Unterstützung für ihre Website. Sofort dachte ich: Das könnte es sein! In diesem recht großen Verein sind alle Generationen vertreten, genau das, was mir vorgeschwebt hatte.
Seit Anfang des Jahres bin ich nun dabei. Die Website wurde neu aufgesetzt und wird von mir dauerhaft betreut. Vor einigen Wochen kam noch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hinzu, die ich gerade mit viel Freude aufbaue. Offenbar habe ich mal wieder etwas zu schnell „Hier!“ gerufen. Das Ganze natürlich ehrenamtlich – was vermutlich auch erklärt, warum ich inzwischen mehr Termine habe als vor meiner Rente. Gefühlt habe ich inzwischen die Hälfte der Stadtteilbewohner kennengelernt.
Vom Vereinsmuffel zum Vereinsmenschen
Hätte jemand der jungen Karin erzählt, dass sie eines Tages freiwillig in einen Verein eintreten würde, hätte sie vermutlich laut gelacht. Vereine waren damals für mich etwas, das andere Leute machten.
Heute sehe ich das anders. Vereine leisten unglaublich wichtige Arbeit. Sie geben Kindern und Jugendlichen Halt im Sportverein oder Tanzcorps, bewahren Traditionen, schaffen Gemeinschaft und bringen Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären. Das Erstaunlichste daran: Ich bin mittendrin. Manchmal überrascht einen das Leben eben noch – sogar dann, wenn man glaubt, längst zu wissen, wie man so tickt.
Das Buch zum Beitrag
Alexandra Hilkenmeier
„Ehrenamt“
In ihrem Sachbuch Ehrenamt geht Alexandra Hilkenmeier der Frage nach, wie viel freiwilliges Engagement eine Gesellschaft eigentlich braucht – und wie viel sie vielleicht sogar voraussetzt. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen beleuchtet sie die positiven Seiten des Ehrenamts wie Zusammenhalt, Sinnstiftung und gesellschaftliche Verantwortung. Gleichzeitig stellt sie unbequeme Fragen: Wer kann sich Ehrenamt überhaupt leisten? Wann ersetzt freiwillige Arbeit bezahlte Stellen und hilft Helfen wirklich immer? Das Buch verbindet persönliche Einblicke mit gesellschaftlicher Analyse und regt dazu an, über die Rolle des Ehrenamts neu nachzudenken.
Persönliche Rezension
Ehrenamt ist eines dieser Bücher, die einem zunächst freundlich zunicken und dann plötzlich sehr kluge Fragen stellen. Alexandra Hilkenmeier gelingt es, ein Thema zu beleuchten, das oft nur in den Kategorien „gut“ oder „noch besser“ diskutiert wird. Statt das Ehrenamt auf ein Podest zu stellen, schaut sie genauer hin ohne dabei dessen Bedeutung kleinzureden.
Besonders gefallen hat mir, dass die Autorin weder moralisiert noch belehrt. Sie zeigt, wie wertvoll freiwilliges Engagement für unsere Gesellschaft ist, legt aber gleichzeitig den Finger in einige wunde Punkte. Nach der Lektüre fragt man sich unweigerlich, ob manche Systeme vielleicht etwas zu bequem geworden sind, weil sie sich auf den guten Willen engagierter Menschen verlassen können.
Der Schreibstil ist zugänglich und verständlich, auch für Leserinnen und Leser, die sich bislang wenig mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt haben. Dabei bleibt das Buch angenehm kompakt und verliert sich nicht in akademischen Endlosschleifen, was besonders erfreulich ist, denn freiwillig 300 Seiten Fußnoten zu lesen, wäre wohl auch eine Form von Ehrenamt.
Mein Fazit: Ein kluges, differenziertes und aktuelles Buch, das zeigt, dass Ehrenamt weit mehr ist als Kuchenverkauf beim Sommerfest und Vereinsprotokolle am Freitagabend. Es würdigt Engagement, ohne dessen Schattenseiten auszublenden, und liefert reichlich Stoff zum Nachdenken. Empfehlenswert für alle, die sich engagieren, engagieren möchten oder sich schon einmal gefragt haben, warum manche Gesellschaftsbereiche scheinbar mit der magischen Ressource „freiwillige Helfer“ betrieben werden.



