Wenn das Herz pflegt – Angehörige zwischen Liebe und Erschöpfung
Viele von uns, die die 60 überschritten haben, hatten sich das Leben im Ruhestand etwas anders vorgestellt. Endlich Zeit für Reisen, Muße, Hobbys, vielleicht auch Enkel (oder den Besuchskater). Doch für viele sieht die Realität anders aus. Statt Freizeit gibt es Pflegedienste, Medikamentenpläne, Arzttermine und die ständige Sorge um einen geliebten Menschen. Pflegen ist ein Akt der Liebe. Aber auch einer, der uns körperlich und seelisch viel abverlangt.
Zwischen Pflichtgefühl und Erschöpfung
Wer pflegt, kennt das Auf und Ab, den Stolz, gebraucht zu werden und die Müdigkeit, wenn der Tag nie endet. Die Nächte sind kurz, die Tage voll und manchmal schleicht sich das schlechte Gewissen ein, wenn man sich einfach nur eine Stunde Ruhe wünscht.
Doch genau das ist wichtig, denn Pausen sind kein Egoismus, sondern Selbstschutz.Das ging mir bei der Pflege meines Mannes oft so.
Nur wer selbst noch Kraft hat, kann geben.
Was oft vergessen wird: Auch Pflegende brauchen Pflege
Viele Angehörige verschieben Arzttermine, ignorieren Rückenschmerzen oder Schlafprobleme.
„Dafür ist jetzt keine Zeit“.
Aber das ist ein gefährlicher Kreislauf.
Als mein Mann schwer an Krebs erkrankt war, habe ich mich vollkommen zurückgenommen. Ich hatte kaum Schlaf und meine Stimme ging immer weg – ich war im wahrsten Sinne des Wortes „sprachlos“. Das Resultat war, dass ich kurz nach dem Tod meines Mannes selbst eine Krebsdiagnose bekam. Der Krebs war noch im Anfangsstadium und konnte komplett geheilt werde, aber das hätte auch anders ausgehen können. Deshalb kann ich nur raten, sich selbst nicht zu vernachlässigen. Heute weiß ich:
Es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen, es ist ein Zeichen von Stärke.
Pflegestützpunkte, ambulante Dienste oder Selbsthilfegruppen können entlasten. Auch ein Gespräch mit der Hausärztin oder einem Pflegedienst kann Wege zeigen, wie Unterstützung möglich ist, sei es stundenweise Betreuung, Verhinderungspflege oder Tagespflege.
Ein neuer Alltag und manchmal auch neue Nähe
So schwer die Pflege ist, sie bringt auch Momente von großer Nähe. Ein gemeinsames Lächeln, ein vertrauter Blick, eine kleine Erinnerung an frühere Zeiten. Das sind die Augenblicke, die Kraft geben und trotzdem:
Niemand muss alles allein schaffen.
Ein kleiner Mutmacher zum Schluss
Wenn Du gerade an deiner Grenze bist, Atme durch. Trinke einen Kaffee oder Tee in Ruhe. Schaue kurz in den Himmel. Es ist in Ordnung, müde zu sein, es ist in Ordnung traurig zu sein und es ist in Ordnung Hilfe zu holen. Denn Pflege ist keine Einbahnstraße der Aufopferung, sie ist ein gemeinsamer Weg und du darfst auf diesem Weg gut zu dir selbst sein.
Wer Unterstützung sucht, findet Rat bei:
Pflegestützpunkten in der eigenen Stadt oder Gemeinde
der Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222)
oder beim Angehörigen-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (030 232 58 500)
Liebe Leserin,
Hast Du selbst einen Angehörigen gepflegt oder pflegst ihn vielleicht gerade jetzt? Dann weißt Du, wie viel Kraft, Liebe, Geduld, aber auch Zweifel, Überforderung und Einsamkeit damit verbunden sein können. Deine Erfahrungen sind wertvoll für andere Betroffene, für Menschen, die noch am Anfang stehen und für all jene, die verstehen möchten, was Pflege im Alltag wirklich bedeutet.
Teile Deine Geschichte mit uns: Was hat Dir geholfen, was hat Dir gefehlt? Gab es Momente, die Dich besonders berührt oder auch an Deine Grenzen gebracht haben? Welche kleinen oder großen Strategien haben Deinen Alltag erleichtert? Vielleicht möchtest Du auch einfach nur loswerden, was Dir auf dem Herzen liegt. Lass uns diesen Raum nutzen, um Erfahrungen zu sammeln, voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu stärken.
Buchempfehlung zum Beitrag
Ein Buch, das leise versteht:
„Eine ganz besondere Reise“
von Emma Heming Willis
Es gibt Bücher, die liest man und es gibt Bücher, die einen still begleiten, lange nachdem man sie zugeklappt hat. Eine ganz besondere Reise von Emma Heming Willis gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Dieses Buch hat mich auf eine Weise berührt, die schwer in Worte zu fassen ist, weil es so viel von dem ausspricht, was viele pflegende Angehörige jahrelang in sich tragen. Die Ehefrau des Schauspielers Bruce Willis schreibt nicht aus einer theoretischen Distanz heraus, sondern aus dem Innersten einer Frau, die plötzlich Verantwortung übernehmen musste, die sie sich nie ausgesucht hat. Genau das macht dieses Buch so ehrlich und so wertvoll.
Beim Lesen habe ich immer wieder gedacht: „Wie sehr hätte ich mir diese Worte, diese Gedanken, diese konkreten Hinweise früher gewünscht“, als mein Mann krank war und ich mit allem alleine dastand.
Die Autorin beschreibt den Zustand der Daueranspannung, der Erschöpfung, die man selbst oft gar nicht mehr als solche erkennt. Dieses Funktionieren, weil es ja niemand anderen gibt. Dieses Alleinsein, selbst wenn man nicht allein im Raum ist und sie tut das ohne Selbstmitleid, ohne Pathos, sondern mit einer leisen, klaren Ehrlichkeit, die manchmal fast schmerzt.
Besonders bewegt haben mich die vielen kleinen Tipps und Gedanken, die sie teilt und die Hinweise darauf, wie wichtig es ist, auch sich selbst wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen, Hilfe anzunehmen oder zumindest zuzulassen, dass man sie bräuchte. Ich habe beim Lesen oft innegehalten und gedacht: „Hätte mir das damals jemand gesagt, vielleicht hätte ich mich weniger schuldig gefühlt. Vielleicht hätte ich verstanden, dass meine Erschöpfung kein Versagen war“.
Dieses Buch ist kein Ratgeber im klassischen Sinn. Es ist eher ein stilles Gespräch von Frau zu Frau. Es schenkt Trost, weil es zeigt: Du bist nicht falsch. Du bist nicht allein und deine Gefühle, auch die widersprüchlichen, dürfen da sein.
Für mich war dieses Buch wie ein spätes Verstandenwerden und dafür bin ich sehr dankbar.
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