Jahrgang 1954 – wir haben die Welt sich verändern sehen
Mein 72ster Geburtstag steht kurz bevor. Ich bin Jahrgang 1954. Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, staune ich manchmal selbst darüber, wie sehr sich die Welt verändert hat. Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der vieles selbstverständlich war, was heute kaum noch vorstellbar ist. Gleichzeitig leben wir heute in einer Welt, die wir uns als Kinder niemals hätten ausmalen können. Wir gehören zu einer Generation, die noch ohne Computer, Internet und Handy aufgewachsen ist und die heute ganz selbstverständlich mit dem Smartphone umgeht, Nachrichten verschickt, im Internet einkauft und per Video z.B. mit meiner Schwester und meinem Schwager auf der anderen Seite der Welt sprechen kann. Dazwischen liegt ein ganzes Leben voller Veränderungen.
Unsere Kindheit – einfach, aber nicht langweilig
Als wir Kinder waren, sah die Welt anders aus. Wir spielten draußen, einfach so. Es gab keine Termine für Spielverabredungen, keine WhatsApp-Gruppe der Eltern und keine Ortungsfunktion auf dem Handy. Man klingelte bei Freunden und fragte: „Kann der oder die rauskommen?“ Wenn wir nach Hause sollten, wurde aus dem Fenster gerufen. Unsere Welt war kleiner, aber vielleicht fühlte sie sich manchmal größer an. Wir bauten Zelte, spielten Gummitwist, Himmel und Hölle, Verstecken oder mit Murmeln. Wir fuhren Fahrrad, oft ohne Helm, und kamen erst nach Hause, wenn es dunkel wurde.
Fernsehen gab es natürlich auch, aber nicht rund um die Uhr. Es gab wenige Programme und wenn das Lieblingsprogramm vorbei war, dann war es vorbei. Niemand konnte etwas aufnehmen, zurückspulen oder jederzeit anschauen. Trotzdem hatten wir nicht das Gefühl, dass uns etwas fehlte.
Das Telefon stand im Flur
Ein Telefon war etwas Besonderes. Es stand meistens irgendwo im Flur oder Wohnzimmer. Die ganze Familie hatte ein einziges Telefon. Von Privatsphäre konnte keine Rede sein. Wenn man mit jemandem telefonierte, wusste meistens die ganze Familie, mit wem. Dann diese Wählscheiben! Wer heute ein Smartphone benutzt, kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen, dass man früher jede einzelne Zahl drehen musste und wenn die Leitung besetzt war? Dann war sie eben besetzt. Kein Anklopfen, keine Nachricht, kein „Ich rufe später zurück“, nein, man wartete.
Unsere ersten technischen Wunder
Wir haben so viele technische Entwicklungen miterlebt, dass wir manchmal selbst vergessen, wie revolutionär sie waren. Der erste Farbfernseher, Kassettenrekorder, Plattenspieler, der Walkman, Videorekorder, der erste Taschenrechner, Computer, CDs, das erste Handy und dann plötzlich das Internet. Heute tragen wir mit unserem Smartphone einen kleinen Computer in der Tasche, der mehr kann als die Geräte, mit denen früher Menschen zum Mond geschickt wurden.
- Wir können innerhalb von Sekunden Informationen aus aller Welt abrufen.
- Wir können Fotos machen, bearbeiten und sofort verschicken.
- Wir können mit Menschen auf anderen Kontinenten sprechen, als säßen sie im Nebenzimmer.
Für unsere Kinder und Enkel ist das selbstverständlich. Für uns war es eine Entwicklung, die wir Schritt für Schritt miterlebt haben. Wir haben gelernt, uns anzupassen Vielleicht ist das eine der besonderen Eigenschaften unserer Generation. Wir mussten uns immer wieder auf Neues einstellen. Wir sind nicht mit Computern geboren worden. Wir haben nicht als Kinder gewischt, geklickt und gescrollt. Wir mussten vieles erst lernen und trotzdem haben wir es geschafft. Vielleicht manchmal mit etwas Fluchen. Vielleicht mit der Bitte an die Kinder oder Enkel: „Kannst du mir mal eben zeigen, wie das geht?“ Aber wir haben gelernt und wir lernen immer noch. Das finde ich eigentlich bemerkenswert.
Musik hatte einen anderen Stellenwert
Musik war nicht einfach nur im Hintergrund. Wir hörten Schallplatten und später Kassetten. Wir warteten auf unsere Lieblingssendung im Radio, um ein bestimmtes Lied aufzunehmen und waren genervt, wenn der Moderator mitten ins Lied hineinsprach. Wir kannten die Texte auswendig. Wir hatten Poster an den Wänden und wenn eine neue Platte erschien, war das etwas Besonderes. Unsere Musik begleitet uns bis heute. Ein Lied und plötzlich sind wir wieder 16. Wir erinnern uns an Partys, an erste Lieben, an Diskotheken und an Menschen, die vielleicht längst nicht mehr in unserem Leben sind. Musik ist manchmal die schönste Zeitmaschine.
Urlaub war ein Abenteuer
Auch das Reisen hat sich verändert. Früher war eine Urlaubsreise etwas Besonderes. Viele fuhren mit dem Auto Richtung Italien, Österreich oder an die Nordsee. Stundenlang im Stau. Es gab keine Navigation, man hatte Straßenkarten im Auto und diskutierte darüber, wer falsch abgebogen war. Hotels wurden nicht mit ein paar Klicks gebucht. Man schrieb Briefe, ging ins Reisebüro und bekam Prospekte. Heute können wir innerhalb weniger Minuten eine Reise um die halbe Welt planen. Wir sehen vorher Fotos vom Hotel, lesen Bewertungen und schauen uns mit dem Handy an, wie die Straße aussieht – unglaublich eigentlich. Trotzdem hat beides seinen Reiz.
Wir sind ohne ständige Erreichbarkeit groß geworden
Vielleicht beneide ich uns manchmal um genau das. Wenn wir unterwegs waren, waren wir unterwegs. Niemand wusste immer, wo wir gerade waren. Niemand erwartete, dass wir sofort antworteten. Wir konnten uns verabreden, ohne zehn Nachrichten hin- und herzuschicken. „Samstag, 20 Uhr vor dem Kino“ und dann war man da oder eben nicht. Heute sind wir ständig erreichbar. Das ist praktisch. Aber manchmal frage ich mich, ob es uns auch ein wenig Ruhe genommen hat.
Von der Schreibmaschine zu künstlicher Intelligenz
Als wir jung waren, waren Schreibmaschinen modern. Wer einen Fehler machte, musste mit Tipp-Ex arbeiten oder die Seite noch einmal schreiben. Später kamen elektrische Schreibmaschinen, dann Computer, und heute? Heute sprechen wir mit künstlicher Intelligenz. Wir lassen Texte schreiben, Bilder erstellen und Fragen beantworten, auf die wir früher stundenlang in Lexika oder Bibliotheken nach Antworten gesucht hätten. Hätte uns das jemand 1970 erzählt, wir hätten ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt und doch ist es heute Realität.
Was wir alles erlebt haben
Wir sind eine Generation, die in einer Zeit des Wiederaufbaus groß geworden ist. Unsere Eltern hatten oft noch ganz andere Erinnerungen und Erfahrungen im Gepäck. Viele hatten Entbehrungen erlebt, die wir als Kinder nur ahnen konnten. Dann kamen die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Menschen konnten sich mehr leisten. Das erste eigene Auto, der erste Fernseher, die erste Urlaubsreise ins Ausland. Später kamen gesellschaftliche Veränderungen, neue Freiheiten, neue Lebensformen und eine Welt, die immer schneller wurde. Wir haben die Teilung Deutschlands erlebt, den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und den Beginn eines vereinten Europas. Heute erleben wir wieder eine Welt, die sich verändert und daß vielleicht schneller als jemals zuvor.
Wir hatten weniger – aber vielleicht war das nicht unbedingt schlechter
Natürlich war früher nicht alles besser. Das sollten wir uns auch nicht einreden. Vieles war schwieriger. Es gab weniger Möglichkeiten, weniger Freiheit in manchen Bereichen und sicher auch Dinge, die wir heute zu Recht anders sehen. Aber es gab etwas, das ich manchmal vermisse: Ein bisschen mehr Geduld, ein bisschen mehr Zeit und vielleicht auch ein bisschen weniger Vergleich mit anderen. Wir wussten nicht ständig, was andere Menschen gerade machten. Wir mussten nicht jeden schönen Moment fotografieren. Manche Dinge passierten einfach und blieben nur in unserer Erinnerung.
Jahrgang 1954 – wir sind Zeitzeugen
Wenn ich darüber nachdenke, bin ich eigentlich stolz auf unseren Jahrgang. Wir sind nicht zu alt für die moderne Welt, aber wir wissen noch, wie die Welt davor war. Wir kennen das Leben ohne Internet. Wir wissen, wie es war, einen Brief zu schreiben und auf eine Antwort zu warten. Wir haben erlebt, wie aus einem Telefon mit Wählscheibe ein Smartphone wurde, wie aus einer Schallplatte Streaming wurde, wie aus Schwarz-Weiß-Fernsehen riesige flache Bildschirme wurden, wie aus einer Schreibmaschine ein Computer und schließlich künstliche Intelligenz wurde. Wir haben nicht nur über Geschichte gelesen. Wir haben einen Teil davon erlebt und wir sind noch lange nicht fertig.
Jahrgang 1954 zu sein bedeutet heute nicht, nur zurückzuschauen, im Gegenteil. Wir haben noch Pläne:
- wir reisen
- wir verlieben uns
- wir lernen neue Dinge
- wir treiben Sport
- wir gründen Blogs
- wir nutzen soziale Medien
- wir interessieren uns für die Welt.
Natürlich ist nicht mehr alles so wie mit 20. Aber warum sollte es auch? Wir haben etwas, das junge Menschen noch nicht haben können: Ein langes Leben voller Erfahrungen. Wir haben Veränderungen erlebt, Krisen überstanden, Neues gelernt und uns immer wieder angepasst und vielleicht ist genau das unsere Stärke. Wir sind die Generation zwischen Wählscheibentelefon und Smartphone. Zwischen Schreibmaschine und künstlicher Intelligenz. Zwischen Plattenspieler und Spotify. Wir kennen beide Welten und deshalb können wir heute vielleicht besonders gut staunen. Denn wenn uns jemand als Kind gesagt hätte, wie wir einmal leben würden, wir hätten es wahrscheinlich nicht geglaubt.
Wer weiß? Vielleicht werden wir in zehn oder zwanzig Jahren wieder sagen: „Hättest du dir das damals vorstellen können?“ Wir haben gelernt, dass die Welt sich verändert und vielleicht ist das Schönste daran: Wir sind immer noch dabei.


