Ist Empathie unmodern? – Der Zustand unserer Gesellschaft
Neulich stand ich im Supermarkt an der Kasse, hinter einem älteren Herrn, der mit zittriger Hand seine Münzen zählte. Es dauerte. Die Kassiererin atmete hörbar durch die Nase, der Mann hinter mir tippte demonstrativ auf sein Smartphone und in meinem Kopf schrie ein Gedanke: Warum haben wir es so eilig, Menschen loszuwerden, die langsamer sind? Ist Empathie heute… unmodern?
Früher – oder bilde ich mir das nur ein? – gehörte es zum guten Ton, sich in andere hineinzuversetzen. Heute heißt es: „Ich bin nicht verantwortlich für deine Gefühle“. Klingt auf Instagram stark, aber in der Realität? Vielleicht einfach nur bequem.
Empathie scheint aus der Mode gekommen zu sein wie analoge Fotos und handgeschriebene Briefe. In einer Welt, in der alles schnell, effizient und funktional sein muss, wirkt Mitgefühl fast wie ein Bremsklotz. Selbstfürsorge ist das neue Zauberwort und ich bin absolut dafür, aber nicht als Ausrede, um sich in die eigene Filterblase zu kuscheln, während die Welt da draußen schreit. Unsere Gesellschaft wirkt müde, gereizt und überfordert. Vielleicht liegt es daran, dass wir ständig auf Empfang sind – Nachrichten, Meinungen, Empörung, Dauerbeschallung. Wer soll da noch fühlen können, wenn alles nur an uns vorbei rauscht? Empathie braucht Zeit, Stille, Aufmerksamkeit. Dinge, die heute kaum noch einen Platz haben.
Ich frage mich oft wann wir aufgehört haben, nach den Geschichten hinter dem Verhalten der Menschen zu fragen? Der Meckerer in der Schlange – vielleicht ist er einsam. Der Jugendliche mit der kaputten Sprache – vielleicht ist er unsicher. Die Frau mit dem genervten Blick -vielleicht am Ende ihrer Kraft. Aber das sehen wir nicht mehr, wir sehen nur Störung. Zeitverlust und Probleme.
Ich glaube nicht, dass Empathie ausgestorben ist. Ich sehe sie noch im Pflegeheim, wo jemand der Oma das Haar kämmt. In der U-Bahn, wo ein Fremder einer anderen Person das Handy aufhebt. In der Stimme eines Freundes, der fragt: „Wie geht’s dir – also wirklich?“
Empathie ist nicht unmodern. Aber sie hat es gerade schwer. Sie ist leise in einer lauten Welt, langsam in einer schnellen, und tief in einer Zeit, die an der Oberfläche lebt. Vielleicht sollten wir ihr wieder mehr Raum geben. Vielleicht ist gerade jetzt der Moment, an dem wir uns erinnern sollten, dass Menschlichkeit kein Trend ist. Sie ist das, was uns überhaupt zu Menschen macht und vielleicht – nur vielleicht – fängt es mit einem Lächeln an oder mit dem geduldigen Warten hinter einem alten Mann an der Supermarktkasse.


