Älter werden,  Lebenshilfe,  Lebenslinien

Warum vergeht die Zeit so schnell?

 

Ein warmherziger Blick aufs Älterwerden mit kölschem Herz

In Köln sagt man ja nicht umsonst: „Et kütt wie et kütt.“ Was man dabei gern vergisst: Es kommt vor allem schnell. Verdammt schnell. Früher war ein Jahr ungefähr so lang wie der Rhein, heute eher wie ein Kölschglas: Kaum hingestellt, schon leer.

Als die Zeit noch in Gummistiefeln lief

Als Kind hatte man das Gefühl, die Zeit sei geblieben und müsse erst geweckt werden. Ein Nachmittag auf dem Spielplatz dauerte länger als heute ein ganzer Monat. Man konnte Sandkuchen backen, streiten, versöhnen, vom Klettergerüst fallen, Eis essen und immer noch war es nicht dunkel.

Die Sommerferien waren kein Zeitraum, sie waren ein Lebensabschnitt und das Schönste: Man wusste nicht einmal, welcher Tag gerade war. Dienstag? Donnerstag? Egal. Hauptsache draußen.

 

Jugend: Warten auf das „richtige Leben“

Dann kam die Zeit, in der man ständig wartete. Man wartete auf den Führerschein, auf die große Liebe, auf das erste eigene Geld und darauf, endlich ernst genommen zu werden. Man dachte: Wenn das alles erst da ist, dann beginnt das richtige Leben. Kleiner Spoiler: Das richtige Leben hatte da schon längst begonnen.

 

Plötzlich ist man selbst „die Älteren“

Irgendwann passiert es – heimlich und ohne Trommelwirbel. Man sagt Sätze wie:

  • „Früher war hier noch eine Bäckerei“
  • „So was gab’s damals nicht“
  • „Die Zeit rennt“

und erschrickt ein bisschen, weil man klingt wie die eigenen Eltern. Grauenhaft, weil das wollten wir doch nie.

 

Heute ist jeden Tag was los und trotzdem ist er weg

Man könnte ja meinen, die Zeit müsste heute langsamer vergehen. Schließlich passiert ständig etwas. Nachrichten, Updates, Videos, Skandale, Trends, Wetterwarnungen, neue Diäten, neue Apps, neue Katastrophen. Früher brauchte ein Ereignis Wochen, um bekannt zu werden, heute braucht es Sekunden und ist nach drei Tagen vergessen.

Das Problem, viel Information ist kein echtes Erleben. Ein Spaziergang am Rhein, ein lieber Besuch, ein tolles Erlebnis bleiben im Herzen. Ein TikTok Beitrag bleibt höchstens im Daumen.

 

Kölsche Gelassenheit als Lebenskunst

Man kann die Zeit nicht aufhalten, aber man kann sie schön verbringen. Zum Beispiel mit einem Kaffee in der Sonne vor dem Büdchen, mit einem Plausch, der eigentlich nur fünf Minuten dauern sollte und plötzlich ist eine Stunde um oder mit einem „Komm, ein Glas Wein noch“, obwohl man längst gehen wollte. Zeit wird nicht länger, aber wertvoller.

 

Die Sache mit den letzten Malen

Meine Schwester sagt immer:

„Man weiß nie, wann man etwas zum letzten Mal macht.“

Das klingt traurig, ist aber auch ein bisschen weise. Man weiß nicht, wann man zum letzten Mal:

  • mit jemandem durch die Altstadt schlendert
  • am Rhein sitzt und nichts sagt
  • gemeinsam über denselben alten Witz lacht
  • angerufen wird mit „Ich wollt nur mal hören, wie es dir geht“
  • oder nach Südafrika reist

Die großen Abschiede erkennt man, die kleinen nicht. Vielleicht ist genau deshalb jeder ganz normale Tag viel kostbarer, als er sich anfühlt.

 

Warum die Zeit schneller wird und das gar nicht nur schlecht ist

Leere Zeit zieht sich wie Kaugummi, volle Zeit fliegt wie Konfetti an Karneval. Wenn Dir die Jahre kurz vorkommen, heißt das oft: Du hast viel erlebt, viel geliebt, viel gelacht und vielleicht auch viel überstanden. Mal ehrlich: Ein Leben, das sich ewig zieht, möchte auch keiner.

 

Der kölscheste Trost überhaupt

In Köln gibt es für alles einen Satz, der gleichzeitig banal und tiefgründig ist:

„Et hätt noch immer joot jejange.“

Das gilt auch für die Zeit. Sie vergeht – immer -, ob langsam oder schnell, aber sie lässt uns Erinnerungen da und die werden mit den Jahren nicht weniger wertvoll, sondern mehr.

 

Zum Schluss ein kleines kölsches Geheimnis

Vielleicht besteht Lebensweisheit nicht darin, die Zeit anzuhalten, sondern darin, mitten im Alltag kurz zu denken: „Das hier ist gerade Leben“. Nicht gestern, nicht später, sondern jetzt.

  • Ein warmer Kaffee mit einem Stück Schokolade
  • Ein vertrautes Gesicht
  • Eine Katze, die sich genau jetzt auf den Schoß legt
  • Ein Lied, das plötzlich Erinnerungen weckt

Wenn man dann noch denkt: „Ist eigentlich ganz schön gerade“, dann hat man gewonnen.

(Bild von Antonios Ntoumas auf Pixabay)

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