Lebenslust

Älter werden – ein Geschenk, das in meiner Familie nicht selbstverständlich ist

Wenn ich heute auf meine 71 Jahre Leben blicke, dann tue ich das vor allem mit Dankbarkeit. Natürlich gibt es Tage, an denen die Gelenke knirschen, die Brille mal wieder verlegt ist und mir ein Name einfach nicht einfallen will. Aber insgesamt empfinde ich das Älterwerden als großes Privileg. Warum? Weil es in meiner Familie alles andere als selbstverständlich ist.

Vielleicht sehe ich deshalb jede neue Kerze auf der Geburtstagstorte etwas anders als viele andere Menschen. Während manche über jede zusätzliche Falte klagen, denke ich oft: Was für ein Glück, dass ich überhaupt die Gelegenheit bekomme, älter zu werden.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich jeden Morgen voller Begeisterung aus dem Bett springe und „Hurra, wieder einen Tag älter!“ rufe. So ehrlich muss man sein. Es gibt Herausforderungen, gesundheitliche Wehwehchen und Momente, in denen man merkt, dass man nicht mehr zwanzig ist. Manchmal erinnert mich mein Körper sogar recht deutlich daran. Früher sprang ich aus dem Bett, heute überlege ich erst einmal, welcher Fuß die Schicht übernimmt.

Dennoch überwiegt für mich die Lebensfreude. Ich habe gelernt, dass Alter nicht nur etwas mit Jahren zu tun hat. Es hat viel mit Einstellung zu tun. Neugierig bleiben, Neues ausprobieren, Kontakte pflegen, lachen können und sich nicht zu ernst nehmen – das hält jung, auch wenn der Personalausweis gelegentlich etwas anderes behauptet.

Dabei hat mich auch die Lektüre von Roger Schawinskis Buch über die sogenannten „Bonusjahre“ zum Nachdenken gebracht. Der Begriff gefällt mir. Er beschreibt genau das, was ich empfinde. Die Jahre, die ich heute erleben darf, sind für mich tatsächlich Bonusjahre. Jahre, die ich nicht als selbstverständlich betrachte, sondern als Geschenk.

Ich versuche deshalb, jeden Tag bewusst wahrzunehmen. Das muss nichts Großes sein. Ein gutes Gespräch, ein Spaziergang, ein interessantes Buch, ein Lachen mit Freunden oder einfach eine Tasse Kaffee in der Sonne können bereits kleine Glücksmomente sein.

Mit den Jahren habe ich außerdem erkannt, dass Perfektion völlig überschätzt wird. Früher wollte ich vieles richtig machen. Heute weiß ich: Das Leben wird nicht besser, weil alles perfekt läuft. Es wird besser, wenn man lernt, das Unperfekte anzunehmen und trotzdem zufrieden zu sein.

Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten des Älterwerdens: Man wird gelassener. Man muss nicht mehr jedem Trend hinterherlaufen und nicht mehr allen gefallen. Dafür gewinnt man etwas viel Wertvolleres – die Freiheit, einfach man selbst zu sein.

Wenn ich also gefragt werde, wie ich zum größten Teil mit viel Lebensfreude älter werde, lautet meine Antwort: mit Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Menschen, die mich begleitet haben, für die Jahre, die ich erleben durfte, für jeden neuen Tag, der hinzukommt und dass ich seit 5 Jahren jedes Jahr nach Südafrika zu Schwester und Schwager reisen kann und ich die Strapazen der langen Reise immer noch gut verkrafte.

Ich weiß aus meiner Familiengeschichte, dass viele meiner Angehörigen solch eine Chance nicht hatten.

Vielleicht sind genau deshalb meine Falten zwar nicht schön, aber keine Feinde. Sie sind für kleine Lebensspuren. Jede erzählt eine Geschichte, jedes Jahr hat etwas beigetragen.
Wenn wieder einmal eine neue dazukommt, denke ich mir mit einem Schmunzeln: Offenbar schreibt das Leben noch immer an meiner Geschichte weiter und das ist gut so.

Roger Schawinski setzt sich mit der Frage auseinander, wie die späteren Lebensjahre aktiv, gesund und erfüllend gestaltet werden können. Dabei verbindet er persönliche Erfahrungen mit Interviews und inspirierenden Denkanstößen rund um das Thema Älterwerden.

Dieses Buch betrachtet das Älterwerden auf eine positive und motivierende Weise. Roger Schawinski zeigt, dass die sogenannten „Bonusjahre“ weit mehr sind als nur ein später Lebensabschnitt. Sie bieten die Chance, das Leben weiterhin aktiv und bewusst zu gestalten.

Besonders gefallen hat mir, dass das Buch weder belehrend noch pessimistisch wirkt. Stattdessen regt es zum Nachdenken an und macht deutlich, wie wichtig Neugier, Bewegung, soziale Kontakte und geistige Offenheit auch im Alter bleiben.

Für mich ist dieses Buch eine ermutigende und inspirierende Lektüre. Es macht Mut, dem Älterwerden mit Gelassenheit, Zuversicht und Lebensfreude zu begegnen.

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