Lebenslust

Warum wählen Menschen die AfD?

Ich frage mich das schon lange und je näher Wahlen in Deutschland rücken – zum Beispiel Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, aber auch Kommunal- und Europawahlen – desto lauter wird diese Frage in meinem Kopf:

Warum?

Nicht, weil ich diese Menschen für dumm halte, im Gegenteil. Das wäre zu einfach und zu bequem.

Viele wählen die AfD aus Wut, aus Enttäuschung, aus dem Gefühl heraus, nicht mehr gehört zu werden. Manche sagen: „Die da oben machen doch eh, was sie wollen.“ Andere fühlen sich abgehängt – finanziell, gesellschaftlich, emotional.
Wieder andere haben Angst vor Veränderung, vor Verlust, vor einer Welt, die ihnen fremd geworden ist.

Die AfD bietet dafür etwas Verführerisches: 

Einfache Antworten auf komplexe Probleme. Einen Schuldigen, eine klare Sprache, wo alles andere kompliziert klingt. Das zieht – leider.

„Soll man sie nicht einfach mal regieren lassen?“

Dieser Gedanke verfolgt mich. Manchmal denke ich:

Vielleicht müssen Menschen es selbst erleben, um zu merken, dass das keine Lösung ist.

Aber dann kommt die Angst. Eine tiefe, alte Angst, denn Geschichte zeigt: Man kann Demokratie nicht wie ein Experiment behandeln.
Nicht nach dem Motto: Mal schauen, was passiert. Was passiert, wissen wir. Nicht im Detail, aber im Muster. Demokratien sterben selten über Nacht, sie sterben schleichend, mit Applaus mit Wahlen, mit dem Gefühl: „So schlimm wird’s schon nicht.“

Meine Angst: Geschichte wiederholt sich

Ich habe Angst, dass wir glauben, wir seien heute klüger als früher. Immun – Aufgeklärt – Sicher. Das dachten Menschen auch schon einmal.

Der Nationalsozialismus begann nicht mit Lagern. Er begann mit Worten, mit Abwertung, mit „Wir zuerst“, mit dem Versprechen Ordnung zu schaffen.

Ja, ich sehe auch Parallelen zu Trump in den USA: Wie Institutionen verächtlich gemacht werden, wie Medien zu Feinden erklärt werden, wie Lügen so oft wiederholt werden, bis sie sich wie Wahrheit anfühlen. Das macht mir Angst und trotzdem: Wegsehen hilft nicht!

Was mir aber genauso Angst macht: Menschen einfach als „Nazis“ abzutun und den Dialog zu verweigern, denn dann treiben wir sie erst recht dorthin. Wir müssen zuhören, 
diskutieren, ohne unsere Werte zu verraten.

Demokratie ist anstrengend.
Sie ist laut und widersprüchlich, aber sie ist zerbrechlich und genau deshalb schützenswert.

Mein Wunsch

Ich wünsche mir,

  • dass wir den Mut haben, genauer hinzuschauen,
  • dass wir Wut ernst nehmen, ohne sie zur politischen Waffe werden zu lassen,
  • dass wir nicht aus Trotz wählen, sondern aus Verantwortung.

Denn eine Stimme ist kein Denkzettel. Sie ist ein Versprechen an die Zukunft. Ich möchte nicht irgendwann sagen müssen:

„Wir hätten es wissen können.“

Ich glaube, wir wissen es längst.

Was denkt ihr? Würdet ihr der AfD eine Chance geben? Geht ihr ins Gespräch mit AfD-Wählern.

Ich freue mich über eure Kommentare.

 

Buchempfehlung 

Sally Lisa Starken: „Zu Besuch am rechten Rand“ Warum Menschen AfD wählen – SPIEGEL-Bestseller

Zu Besuch am rechten Rand“ hat mir mehr Fragen gestellt,  als Antworten gegeben, aber auf eine Weise, die mich wirklich berührt und nachdenklich zurückließ. Die Autorin begibt sich nicht nur in den rechten politischen Raum, sie geht dorthin, wo viele von uns nicht hingehen wollen, ins Gespräch mit Menschen, die die AfD wählen oder ihr nahe stehen. Was mich an diesem Buch besonders getroffen hat, ist nichts Spektakuläres im klassischen Sinn, sondern diese Mischung aus persönlicher Nähe und nüchterner Analyse. Erzählt wird von Begegnungen in Städten und Dörfern quer durch Deutschland. Orte, in denen der Rechtskurs bei Wahlen stark ist und sie lässt Menschen zu Wort kommen, deren Geschichten ich sonst nur aus Statistiken kenne.

Das Buch ist nicht bequem zu lesen. Es lässt uns keine einfache Entschuldigung, stattdessen zeigt es: Angst, Wut, das Gefühl, nicht gehört zu werden.  Das sind reale Erfahrungen, die Menschen an politische Ränder treiben können. Genauso klar macht die Autorin: Rechte Ideologien sind keine Lösung für diese Ängste, und wir dürfen weder ihre Gefährlichkeit kleinreden noch die Menschen, die so denken, einfach abschreiben. Die Autorin verzichtet auf moralische Überheblichkeit. Sie will nicht nur zeigen, was falsch läuft, sondern wo der demokratische Austausch abgerissen ist und wie wir vielleicht wieder dort anknüpfen können. Das Buch versucht, eine Brücke zu schlagen, ohne den Boden unserer Werte aufzugeben.

Ein Buch, das nicht beruhigt, sondern wachrüttelt. Demokratie ist kein Selbstläufer, sie braucht Engagement, Mut und vor allem Kommunikation. 

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