Was bleibt, ist Erinnerung – Im Gespräch mit einer Trauerrednerin
Manche Menschen haben das seltene Talent, in den traurigsten Momenten die richtigen Worte zu finden. Eine von ihnen ist die Lebenserzählerin Gabi Saler. In unserem Gespräch erzählt sie, wie sie zu ihrem besonderen Beruf gefunden hat, was ihr am Herzen liegt und, dass auch in einer Zeit der Trauer Raum für Lachen ist…
Wie bist du dazu gekommen Trauerrednerin zu werden? War das Berufung oder Zufall?
Vielleicht beides… Mein Ursprungsberuf ist Journalistin. Dann wurde ich Autorin und dann starb ein enger Freund der Familie und seine Partnerin bat mich den Abschied für ihn zu gestalten. Da stand ich das erste Mal in meinem Leben als Trauernde vor trauernden Menschen und hatte nur einesim Sinn: Ich will uns allen Trost mit auf den Weg geben, Dankbarkeit, dass wir mit ihm Zeit verbringen durften, die Rede so gestalten, dass wir ihn spüren, dass er mit uns ist, damit er mit uns bleibt… Ich wollte ihn für diesen Augenblick zurück in unser Leben holen, sprach ihn direkt an, erzählte von ihm in der Gegenwartsform statt in Vergangenheit… Ohne zu ahnen, dass ich bereits in diesem Moment meinen ganz eigenen Weg des Umgangs mit Trauer und tatsächlich eine neue Berufung gefunden hatte…
Wie bereitest du dich auf eine Trauerrede vor?
Es braucht Zeit miteinander, die Menschen müssen sich sicher fühlen an meiner Seite, damit Vertrauen und Offenheit wachsen und sie gern erzählen. Meistens sind wir sehr bald beim Du, graben gemeinsam in Erinnerungen, betrachten alte Fotos und die Schwere, mit der ich begrüßt wurde, verflüchtigt sich. Neulich sagte eine alte Dame: „Ich hatte Angst
vor unserer Begegnung und davor, dass jetzt wieder alles hochkommt was in letzter Zeit so schrecklich war. Doch es tat einfach nur gut, dass du mich an all das Schöne erinnert hast, dass wir miteinander erleben durften.“ Das ausführliche Angehörigengespräch ist von zentraler Bedeutung. Meistens nehme ich diese Interviews auf, anstatt mitzuschreiben. Das ist vor allem bei langen Leben oder komplexen Umständen von Vorteil, weil mir nichts Wichtiges durchgeht und ich mich während des Gesprächs ausnahmslos dem Zuhören und gezielten Fragen widmen kann.
Was passiert, wenn du jemanden gar nicht kanntest – wie findest du trotzdem persönliche Worte, die berühren?
Ich weiß selten, welche Menschen mir begegnen, kenne die Umstände eines Todesfalls meist nur ansatzweise. Was bedeutet, dass ich mich immer wieder neu auf meine Gegenüber einlasse, mich wirklich für sie interessiere, ihre Lebensumstände unvoreingenommen wahrnehme und, durch ihre Antworten auf meine Fragen, Verstorbene sozusagen posthum kennenlerne. Als ich das erste Mal zu jungen Eltern gerufen wurde, deren knapp dreijähriger Sohn an einem warmen Sommermorgen allein, barfuss und im Pyjama das Haus verließ, durchs Dorf trippelte, neugierig an einem kleinen Teich stehen blieb, Libellen und Schmetterlinge beobachtete und dann mit einem Mal abrutschte, ins Straucheln geriet, ins Wasser fiel und ertrank… da rätselte ich zuhause, wie ich damit umgehen und was mich erwarten würde. Und ich fragte mich, was es bei einem so kurzen Leben zu erzählen gäbe. Wenige Wochen vorher war mein alter Koffer zum buntbemalten Wunderkoffer geworden, den nahm ich mit. Als ich eine Weile mit den Eltern des Kleinen zusammensaß, sie mir vom Unfall, dem Schock erzählt und bitterlich geweint hatten, waren sie mir nah… Ich spürte die Liebe zu ihrem Kind, sah mich um und entdeckte in jedem sichtbaren Winkel der Wohnung Spuren seines Lebens: Klebebilder an den Fenstern, das Lieblingskuscheltier, seine ersten Autos… Ich zeigte ihnen den Wunderkoffer und schlug vor diese Dinge zum Abschied aus dem Koffer zu zaubern und damit sein Leben zu erzählen… Die beiden ließen
sich offen darauf ein, waren dankbar, dass mit dem Sammeln dieser bunten, leuchtenden Erinnerungsperlen das lähmende „Warum“ in ihrem Kopf für Augenblicke verstummte… Tatsächlich haben wir für dieses wundervolle Kind ein Erinnerungsfest gefeiert, ein buntes Lebensfest bei dem selbst die betroffenen Ersthelfer dankbar in sein Lieblingslied Aramsamsa mit einstimmten…
Gibt es Formulierungen, die du bewusst vermeidest, weil sie zu abgedroschen klingen?
In meinen Reden gibt es keine Formulierungen von der Stange. Lediglich die letzten Worte am Beisetzungsort wähle ich meist aus einem reichen Fundus. Sie sind die Brücke zwischen Himmel und Erde, bevor Sarg oder Urne beigesetzt werden. Ist jemand aus der Kirche ausgetreten und dennoch gläubiger Christ, beten wir zusammen das Vater unser.
War der Verstorbene davon überzeugt, dass mit dem Leben alles vorbei ist, kann es für die Angehörigen vielleicht ein Trost sein, wenn sie in diesem Moment hören, dass wir aus Sternenstaub gemacht sind und – wer weiß das schon – vielleicht wieder zu Sternen werden…
Nur Versprechungen gebe ich keine. Zum Beispiel: Eines Tages seht ihr euch wieder… Das kann ich wünschen, aber nicht garantieren.
Wie gehst du mit Angehörigen um, die sehr unterschiedlich trauern?
Wichtig ist, einem jeden Raum zu geben. Und, wenn das Erzählen während des Angehörigengesprächs für die eine oder den anderen noch nicht möglich ist, dann gibt es immer noch Telefon, Mails, Sprachnachrichten…
Neulich verunglückte eine junge Frau und ich wurde zum Gespräch in eine große Runde geladen. Dabei waren ihre Mutter, ihre Schwester, ihr Bruder, ihr Mann und ihre beiden Kinder. Die Mutter hatte sich schon alles, was
ihr wichtig erschien, aufgeschrieben und war erleichtert, als ich mich zuerst an sie wandte. Jedes Leben beginnt mit Geburt und Kindheit… Fragen waren kaum erforderlich. Schwester und Bruder waren dankbar, auf das Gerüst der Mutter aufbauen zu können. Und ich hatte bereits etwas Vorwissen, um ihnen gezielte Fragen stellen zu können. Zur Tochter (16) fand ich Zugang durch die Musik, die ihre Mama liebte, zu der sie tanzte, mit der sie alle fröhlich waren… Sie stellte die Playlist für die Feier zusammen und sang sogar zusammen mit ihrer besten Freundin ein Lied. Diese selbstgestellten Aufgaben halfen ihr mit dem Schmerz umzugehen. Der Sohn, 13 Jahre alt, blieb lange stumm. Als die meisten gegangen waren, meinte er: „Mein Kopf ist plötzlich so leer, ich weiß gar nichts mehr…“. Wir schwiegen eine Weile miteinander. Und dann flossen zum ersten Mal seit dem plötzlichen Unfalltod seiner Mama Tränen…
Vertrauen zu mir hatte er dennoch gewonnen. Zwei Tage später schickte mir sein Papa eine Nachricht von ihm: „Meine Mama hat mir immer Grimms Märchen vorgelesen. Das „Vom Fischer und seiner Frau“ mochte ich besonders.“ Zuletzt saßen der Witwer und ich uns allein gegenüber. Endlich konnte auch er weinen, musste nicht mehr stark sein vor den
Kindern. Nachdem er mir von seinem dramatischen Rettungsversuch erzählte, der ihn selbst um ein Haar das Leben gekostet hätte, kehrte langsam Ruhe ein.
Und dann fand auch er seinen Raum für Erinnerungen an ihre Liebe und wie sie wurde was bleibt…
Gibt es Momente, in denen du selbst während einer Rede mit den Tränen kämpfen musst? Oder gelingt dir immer die professionelle Distanz?
Wenn Tränen laufen, dann laufen sie. Ich bin kein Roboter und fühle mit. Ohne mein Mitgefühl und meine Anteilnahme entstünde keine Nähe. Und ohne Nähe, kein Vertrauen. Tatsächlich besitze ich mittlerweile einen
eingebauten Selbstschutzmechanismus. Mein Gehirn weiß: Das ist nicht meine Geschichte. Nach besonders dramatischen Konstellationen brauche ich manchmal einen langen Waldspaziergang oder ein heißes Bad…
Was war die bewegendste oder ungewöhnlichste Trauerfeier, die du je begleitet hast?
Oh, das ist wirklich schwer zu beantworten. So viele Menschen, so viele Geschichten. Ungewöhnlich war auf alle Fälle der Abschied eines Fasnachters zu fetzigen Samba Rhythmen zu denen nicht wenige Gäste tanzten… Oder der Auftritt der Riding Santas auf ihren Harleys zum Abschied einer guten Freundin. Da heulten die Motoren… Ich finde es immer stark, wenn Angehörige sich auch mal über Konventionen hinwegsetzen und es für sie in erster Linie darum geht, die oder den Verstorbenen in unsere Mitte zu holen. Wir haben auch schon das eine oder andere Lebensfest gefeiert – bewusst bunt, hell, licht. Bewegend und berührend waren alle Abschiede, die ich gestalten durfte.
Hat sich dein Blick auf das Leben und den Tod durch deinen Beruf verändert?
Mein Blick auf Leben und Tod hat sich zu allererst durch eine Krankheitsphase verändert, die mich selbst an Grenzen brachte… Da fand ich Vertrauen, in mich und ins große Ganze. Und die Gewissheit, dass die Liebe keine Grenzen kennt… Außerdem durfte ich meinen Papa, meine Mama und meinen Bruder in der Phase des Übergangs begleiten. Vielleicht wäre ich ohne diese Erfahrungen für meine heutige Aufgabe gar nicht bereit gewesen… Der Tod ist die einzige Garantie, die wir per Geburt mit ins Leben bringen. Und er ist unsere Chance – uns immer wieder neu auf’s
Hier und Jetzt einzulassen.
Kann Humor bei einer Trauerrede auch Platz haben?
Na klar! Ein vergangenes Leben ohne Lachen, ist mir zum Glück noch nie begegnet. Wir lachen auch bei Angehörigengesprächen oft, wenn Eigenheiten eines Menschen ans Licht kommen. Das wirkt wie Balsam für
die Seelen derer, die bleiben. Und wenn ich dann in der Rede typische Aussprüche verwende oder heitere Anekdoten erzähle, dann wirkt das für alle Anwesenden befreiend…
Was möchtest du den Menschen mitgeben, die gerade jemanden verloren haben?
Ein bißchen Wärme, Frieden und Licht durch die Erinnerung daran, dass gemeinsam leben, lieben, lachen vorausging. Ich helfe ihnen kostbare Augenblicke zu konservieren… Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Je größer der Blick auf ein Leben, desto verständlicher werden auch Ecken und Kanten. Deshalb ist mir auch der Blick auf Kindertage so wichtig. Da werden Prägungen spürbar…
Wenn du eines Tages deine eigene Rede für deine Trauerfeier schreiben dürftest, was sollte unbedingt darin stehen?
Danke, dass ich mein Leben mit euch teilen durfte. Danke für meine Kindertage in geborgener Familie. Danke für die Talente, die mir mitgegeben wurden und für den Weg der Berufung, den ich fand. Danke für leichte und für herausfordernde Zeiten. Vor allem letztere ließen mich wachsen. Danke für die Liebe, die ich mit Enzo leben durfte und für unsere wundervolle Tochter Marie und ihre Kinder. Danke für die tiefe Verbundenheit mit Familie, Freundinnen und Freunden. Danke für den Frieden, den ich mit euch und in euch fand… Das Feuer brennt weiter…
Vielleicht wäre es schön, wenn noch einmal mein Lied gespielt würde. Ich teile einen Teil von mir mit dir…
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