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Generationskonflikte,  Lebenshilfe

Wie ungerecht sind die Vorwürfe an die Boomer?

Boomer: das Wort klingt inzwischen weniger nach Geburtsjahrgang, als nach Generalverdacht. Klimakiller, Wohlstandsverwahrloste, Besitzstandswahrer, Verhinderer. Kurz: schuld an allem, wirklich allem. Selbst am schlechten WLAN im ICE. Aber wie gerecht sind diese Vorwürfe eigentlich?

Rückblick statt Rückzug

Wer verstehen will, was eine Generation geprägt hat, muss sich anschauen, wie sie geworden ist, was sie ist. In meinem Beitrag:

70 Jahre Leben – wie wir wurden, was wir sind

habe ich genau das versucht;  keine Rechtfertigung, sondern Einordnung, denn wir sind nicht im luftleeren Raum sozialisiert worden.

Die Boomer sind Kinder der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus. Viele wuchsen in Familien auf, in denen Mangel Alltag war. Sparsamkeit, Sicherheit und Aufstieg galten nicht als Gier, sondern als Überlebensstrategie.

Fortschritt mit Nebenwirkungen

Ja, wir haben vom Wirtschaftswunder profitiert. Ja, wir sind Auto gefahren, geflogen, haben gebaut, konsumiert, oft ohne die ökologischen Folgen zu kennen oder ernst zu nehmen. Aber wir haben auch:

  • Bildung für breite Schichten erkämpft
  • Frauenrechte und Gleichberechtigung vorangebracht
  • Autoritäten infrage gestellt
  • Umweltbewegungen mitbegründet
  • Friedens- und Demokratiebewegungen getragen

Das war kein Selbstläufer, sondern oft konfliktreich und mühsam. Dass nicht alles gelungen ist, gehört zur Wahrheit. Aber zu behaupten, nichts davon zähle, ist bequem.

 

Der Luxus der Rückschau

Jede Generation hat den Vorteil, die Fehler der vorherigen klarer zu sehen. Das ist gut so. Problematisch wird es, wenn daraus moralische Überlegenheit entsteht. Wer heute mit dem Wissen von 2026 über Entscheidungen der 60er, 70er oder 80er urteilt, betreibt Rückspiegelpolitik.

Viele der heute kritisierten Strukturen wurden unter völlig anderen Voraussetzungen geschaffen – politisch, wirtschaftlich, technologisch. Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung waren keine allgemein verstandenen Bedrohungen, sondern abstrakte Randthemen.

 

Persönliche Perspektive: Leistung, die unsichtbar wird

Ich schreibe das nicht aus einer theoretischen Warte. Ich arbeite, seit ich 14 Jahre alt bin, mit Beginn meiner Ausbildung. Durch alle Jahrzehnte, durch alle Umbrüche und ja, auch heute, als Rentnerin, habe ich noch einen Minijob. Nicht aus Langeweile, sondern aus Verantwortungsgefühl, Selbstverständnis, dem Wunsch, Teil dieser Gesellschaft zu bleiben und nicht zuletzt um meine, ach so hohe Rente aufzubessern.

Dazu kommen zwei Ehrenämter, die Zeit, Energie und Verlässlichkeit erfordern. Auch das ist Arbeit – unbezahlt, aber gesellschaftlich unverzichtbar.

Was mich zunehmend irritiert: In Deutschland entsteht immer öfter der Eindruck, es sei unanständig, nicht spätestens mit 65 sozialverträglich abgelebt zu sein – möglichst leise, möglichst unsichtbar. Dabei zeigen andere Länder, dass es auch anders geht. In Südafrika zum Beispiel genießen ältere Menschen traditionell großen Respekt. Alter bedeutet dort Erfahrung, Autorität, Würde. Niemand käme auf die Idee, Engagement oder Arbeitswillen im Alter als störend zu empfinden.

 

Generationenkonflikt oder Respektverlust?

Wenn heute pauschal über „die Boomer“ geurteilt wird, trifft das auch Menschen, die ein Leben lang gearbeitet, Verantwortung übernommen und dieses Land mit aufgebaut haben. Menschen, die nicht aufgehört haben, neugierig zu sein, sich einzubringen oder Verantwortung zu tragen.

Kritik an Strukturen ist notwendig. Altersdiskriminierung ist es nicht und wer älteren Menschen signalisiert, sie seien ein Problem, verspielt etwas sehr Wertvolles: gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Fazit: Schuld ist keine Lösung

Die pauschalen Vorwürfe an die Boomer sind oft zu einfach, zu grob und zu bequem. Sie erklären wenig und spalten viel. Wer die Zukunft gestalten will, sollte weniger nach Schuldigen suchen und mehr nach gemeinsamen Wegen oder anders gesagt: Wir sind geworden, was wir sind, aber wir bleiben verantwortlich für das, was wir daraus machen.

Nach uns die Sintflut?

von Georg Vielmetter

304 Seiten, 13,5 x 20,6 cm, 15 s/w Abbildungen

 
Das Buch zum Beitrag

Georg Vielmetters Generation Ego ist keine simple Anklageschrift, auch wenn der Titel zuerst nach Tabubruch klingt. Der Autor zeichnet ein Psychogramm der „Cold-War-Generation, der Babyboomer, und setzt sie in Beziehung zu den Krisen unserer Zeit: Demografie, Rentensystem, Klimawandel und gesellschaftliche Erschöpfung.

Was das Buch gut macht:

  • Breite Analyse statt bloßer Schuldzuweisung:  Es verbindet  historische Prägung mit systemischen Fehlentwicklungen.

  • Faktenreich und nüchtern: Vielmetter bleibt analysierend, nicht populistisch, auch wenn er heikle Fragen nicht scheut.

  • Aufruf zum Handeln: Statt die Schuldfrage endlos zu drehen, legt er Handlungsfelder offen und fordert Bewusstsein über Generationengrenzen hinweg.

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Was kritisiert werden kann:

  • Manche Beispiele wirken etwas überladen oder, es wirkt manchmal, als wolle jeder gesellschaftliche Missstand irgendwie der „Generation Ego“ angelastet werden.

  • Der Appell an die Verantwortung der Boomer erscheint stellenweise hilflos, weil er schwerer umzusetzen ist als prognostiziert.

 

Mein Fazit

Generation Ego ist eine der fundierteren Auseinandersetzungen mit der Boomerproblematik der letzten Jahre – nicht härter, sondern klüger als die meisten öffentlichen Debatten. Wer verstehen will, warum bestimmte Vorwürfe überhaupt aufkommen, bekommt hier ein intelligentes, differenziertes Spiegelbild statt ideologischer Pauschalurteile.

 

Leserfrage: Welche Erfahrungen hast du selbst mit Engagement im Alter gemacht – ob Beruf, Ehrenamt oder andere Beiträge zur Gesellschaft? Glaubst du, dass Respekt vor älteren Menschen in Deutschland genug Platz hat, oder muss sich unsere Haltung dringend ändern? Ich freue mich auf deine Gedanken und Erfahrungen.

Ich freue mich auf deinen Kommentar.

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