Lebenshilfe

Braucht unsere Seele einen Frühjahrsputz?

 

Wenn das Licht plötzlich alles sichtbar macht

Jedes Jahr ist es wieder so weit. Die ersten Sonnenstrahlen schleichen sich durch die Fenster und plötzlich sieht man alles. Den Staub auf der Fensterbank, die kleinen Schlieren auf der Scheibe, die Wollmäuse unter dem Sofa, die sich heimlich zu einer Großfamilie zusammengeschlossen haben. Dann stehe ich da, mit Putzlappen in der Hand und denke: „Ach du meine Güte. War das gestern auch schon so?“

Natürlich war es das. Nur hat man es im grauen Winterlicht nicht gesehen und genau da fängt für mich die eigentliche Frage an: Ist es mit unserer Seele nicht manchmal ganz genauso?

 

Was sich unbemerkt in uns ansammelt

Wir funktionieren, machen weiter, räumen den Alltag weg, bezahlen Rechnungen, schreiben Einkaufszettel, beantworten Nachrichten, kümmern uns, lächeln, halten durch. Irgendwo in uns sammeln sich Dinge an. Kleine Enttäuschungen, unausgesprochene Sätze, alte Sorgen, Kränkungen, die wir längst für erledigt hielten. Wir fühlen uns müde, was nicht vom schlechten Schlaf kommt, sondern vom Zuviel.

Im Winter der Seele merkt man das oft gar nicht so deutlich. Man zieht innerlich die Decke höher, macht sich einen Tee und sagt: „Geht schon“. Dann kommt irgendwann so ein Moment: Ein heller Morgen, ein Lied im Radio, ein Gespräch, das etwas in uns berührt oder einfach dieser eine Sonnenstrahl, der nicht nur auf die Fensterbank fällt, sondern mitten ins Herz. Plötzlich merken wir, da ist einiges liegen geblieben.

 

Loslassen beginnt mit einer ehrlichen Frage

Vielleicht braucht unsere Seele tatsächlich ab und zu einen Frühjahrsputz. Nicht mit Eimer, Schrubber und Zitronenduft, sondern mit Ehrlichkeit, Ruhe und mit einem liebevollen Blick auf uns selbst.

Was darf weg? Diese Frage klingt so einfach und sie ist doch manchmal schwerer als wir denken. Was darf ich endlich loslassen? Den Ärger über jemanden, der sich nie entschuldigt hat? Die Erwartung, immer stark sein zu müssen? Den alten Glaubenssatz, dass ich erst genug bin, wenn alle anderen zufrieden sind? Die Angst, etwas zu verpassen, wenn ich mal Nein sage?

Wir heben so viel auf. Nicht nur Dinge in Schränken, sondern auch Gefühle in uns. Manche Erinnerungen sind wie alte Kleider: Sie haben einmal gepasst, vielleicht waren sie sogar wichtig, aber heute schnüren sie uns nur noch ein. Trotzdem fällt Loslassen schwer.

 

Die Schubladen, die wir lieber geschlossen halten

Ich kenne das gut. Da gibt es Gedanken, die sind wie diese Schubladen, die man besser nicht öffnet, weil man genau weiß: Da drin herrscht Chaos. Also drückt man sie schnell wieder zu. Morgen vielleicht, nächste Woche oder irgendwann. Nur wird „irgendwann“ selten von allein ein guter Zeitpunkt.

Vielleicht beginnt der seelische Frühjahrsputz deshalb nicht mit einem großen Entschluss, sondern mit einer kleinen Pause, mit einem tiefen Atemzug und der Bereitschaft, sich selbst zuzuhören. Nicht streng oder vorwurfsvoll, sondern freundlich. So, wie man eine gute Freundin fragen würde: „Na, was ist denn eigentlich los mit dir?“ und dann nicht gleich Lösungen anbieten, nicht sofort alles schönreden, sondern einfach zuhören.

 

Was die Seele uns zuflüstert

Vielleicht sagt die Seele dann:

  • „Ich bin müde“
  • „Ich vermisse etwas.“
  • „Ich trage da noch etwas, das mir längst zu schwer geworden ist.“

Das ist kein Versagen, so sind wir Menschen nun einmal.

Ich glaube, unsere Seele braucht keinen perfekten Glanz. Sie muss nicht aussehen wie ein frisch geputztes Wohnzimmer, in dem niemand mehr atmen darf. Sie braucht eher Platz, Luft, ein bisschen Licht und die Erlaubnis, nicht immer aufgeräumt zu sein.

Denn auch das gehört dazu: Beim Frühjahrsputz wird es erst einmal unordentlicher, bevor es besser wird.

 

Was bleibt, was darf gehen?

Man zieht alles heraus, schaut es an, sortiert. Manches landet im Müll. Manches wird liebevoll gefaltet und zurückgelegt. Manches findet einen neuen Platz. Warum sollte es in uns anders sein? Vielleicht dürfen wir auch innerlich sortieren:

  • Was tut mir gut?
  • Was kostet mich zu viel Kraft?
  • Welche Menschen geben mir Wärme, und welche lassen mich frieren?
  • Welche Träume habe ich so lange weggeschoben, dass sie schon ganz staubig geworden sind?
  • Welche Freude wartet eigentlich darauf, wieder benutzt zu werden?

 

Mit den Jahren wird der Blick klarer

Gerade mit zunehmenden Jahren, finde ich, wird man empfindsamer für das Wesentliche. Nicht im Sinne von dünnhäutig, obwohl auch das manchmal stimmt, sondern wacher. Man spürt schneller, was einem guttut und was nicht. Man hat weniger Lust auf Spielchen, auf falsche Freundlichkeit, auf dieses ständige „Man müsste mal“. Ja, man müsste, aber vielleicht müsste man vor allem mal wieder bei sich selbst anfangen. Nicht egoistisch, nicht rücksichtslos, sondern ehrlich.

Denn eine Seele, die immer nur gibt, braucht irgendwann Nachschub. Eine Seele, die immer nur schluckt, braucht irgendwann eine Stimme. Eine Seele, die immer nur stillhält, braucht irgendwann Bewegung.

 

Neubeginn muss nicht laut sein

Vielleicht ist der Frühling deshalb so eine schöne Einladung. Nicht, weil plötzlich alles leicht ist. Sondern weil er uns zeigt: Neubeginn muss nicht laut sein. Manchmal beginnt er mit einem geöffneten Fenster, mit frischer Luft im Zimmer, mit einem Spaziergang ohne Ziel.  Vielleicht aber auch mit dem Satz: „Das möchte ich so nicht mehr“ oder mit dem anderen Satz: „Dafür ist es noch nicht zu spät.“

Ich mag den Gedanken sehr, dass wir nicht alles mitnehmen müssen, nur weil wir es lange getragen haben. Dass wir uns innerlich neu einrichten dürfen und dass auch in uns etwas blühen kann, selbst wenn ein paar Äste trocken geworden sind.

 

Platz für das, was wieder wachsen möchte

Und vielleicht ist genau das der schönste Frühjahrsputz für die Seele: nicht alles wegzuwischen, was wehgetan hat, sondern Platz zu schaffen für das, was wieder wachsen möchte.

Also mache ich in diesen Tagen nicht nur die Fenster auf, sondern frage mich auch: Was lasse ich herein?

  • Mehr Leichtigkeit vielleicht
  • Mehr Gelassenheit
  • Mehr Mut, Dinge nicht mehr perfekt machen zu wollen.
  • Mehr Dankbarkeit für das, was ist.
  • Mehr Vertrauen, dass ein bisschen Staub auf der Seele nichts Schlimmes ist, solange wir ab und zu liebevoll darüberstreichen.

 

Eine lebendige Seele darf unfertig sein

Am Ende brauchen wir keine blitzblanke Seele, wir brauchen eine lebendige.

  • Eine, die fühlen darf.
  • Eine, die sich erinnern darf.
  • Eine, die lachen, weinen, hoffen und neu anfangen darf.

Wenn dann die Sonne durchs Fenster scheint, darf sie ruhig sehen, was noch nicht fertig ist. Wir sindes zum Glück ja auch nicht.

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