Lebenshilfe,  Trauer

In den wichtigen Momenten meines Lebens war ich immer ohne Taschentuch

 

Heute ist der 11. Todestag meines Mannes Bernd.

In den vergangenen Jahren habe ich diesen Tag meist gut überstanden. Natürlich waren da Erinnerungen, manchmal auch Wehmut, aber vor allem die Dankbarkeit für die vielen schönen Jahre, die wir miteinander verbringen durften. Doch ausgerechnet dieses 11. Jahr macht mir schwer zu schaffen.

Warum das so ist, kann ich selbst nicht genau erklären. Neben den schönen Erinnerungen drängen sich plötzlich wieder die schweren Zeiten in den Vordergrund. Bilder und Gefühle, die ich lange gut einordnen konnte, sind wieder erstaunlich präsent.

 

Als die Sorgen immer größer wurden

Die letzten Jahre mit Bernd waren alles andere als leicht. Durch die IT-Krise geriet seine Firma immer mehr in Schwierigkeiten. Unsere ohnehin bescheidenen Rücklagen schmolzen dahin. Seine schwere COPD machte es ihm zunehmend schwer zu arbeiten. Schließlich mussten wir sogar seine Lebensversicherungen beleihen. Doch auch das konnte die Entwicklung nicht aufhalten. Die Firma meldete Insolvenz an.

Als dann endlich seine Rente bewilligt wurde, folgte der nächste Schock. Durch seine lange Selbstständigkeit und Regelungen aus seiner früheren Ehe erhielt er gerade einmal 790 Euro Rente. Nicht einmal die Miete ließ sich davon bezahlen.

 

Die Diagnose, die alles veränderte

Dann kam die Krebsdiagnose. Von einem Tag auf den anderen war klar, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt sein würde. Für mich stand fest, dass Bernd die Zeit, die ihm noch blieb, zu Hause verbringen sollte. In seiner gewohnten Umgebung. Dort, wo er sich sicher und geborgen fühlte.

Doch auch ich war selbstständig. Wenn ich nicht arbeitete, verdiente ich kein Geld. Setzte ich mich an den Computer, fragte Bernd oft: „Was machst du denn?“ Er wollte mich bei sich haben. Möglichst immer. Ich verstehe das heute genauso wie damals. Und trotzdem war es schwer.

Schwer waren die Geldsorgen. Schwer war die Traurigkeit. Aber am schwersten war für mich das Gefühl, mit all dem allein zu sein.

 

Wenn Freunde verschwinden

Menschen, die jahrelang gerne an unserem Tisch gesessen hatten, die unser Essen genossen, unsere Gastfreundschaft und unsere Gesellschaft, waren plötzlich verschwunden. Niemand ließ sich mehr blicken. Kaum jemand fragte, ob Hilfe gebraucht würde. Erst nach Bernds Tod tauchten einige von ihnen wieder auf. Mit Tränen in den Augen und großen Worten der Trauer.

Ich konnte das nicht ertragen. Diese Kontakte habe ich damals beendet und nie wieder aufgenommen.

Vielleicht kommen gerade deshalb in diesem Jahr so viele Erinnerungen zurück. Nicht nur die an Bernds Krankheit und seinen Tod, sondern auch die an die Enttäuschungen, die damit verbunden waren.

 

Der Satz meines Lebens

Dann ist da noch dieser Satz, der mich mein ganzes Leben begleitet. Immer wenn ich weinen musste – aus Freude, aus Rührung oder aus Traurigkeit – hatte ich kein Taschentuch dabei. Irgendwann wurde dieser Satz zu einem geflügelten Wort in meinem Leben.

Heute muss ich darüber schmunzeln, denn in den letzten Wochen gibt es fast jeden Tag Momente, in denen mir die Tränen kommen. Meistens zu Hause. Beim Gedanken an Bernd, an schöne Augenblicke, an schwere Stunden, an alles, was wir gemeinsam durchgestanden haben. Heute liegt immer irgendwo eine Packung Taschentücher in Reichweite.

 

In guten wie in schlechten Zeiten

Elf Jahre sind vergangen. Die schönen Erinnerungen möchte ich bewahren und ihnen wieder mehr Raum geben. Aber ich habe auch verstanden, dass die schweren Zeiten dazugehören. Sie waren Teil unseres gemeinsamen Weges. Sie gehören zu unserer Geschichte, genauso wie die glücklichen Momente und vielleicht ist Liebe genau das: Nicht nur die Erinnerung an die Sonnentage festzuhalten, sondern auch die dunklen Tage nicht zu verdrängen.

Lieber Bernd,

danke für die schönen Jahre, für dein Vertrauen, deine Liebe und für alles, was wir miteinander teilen durften.

Du fehlst.

Heute genauso wie vor elf Jahren.

Denn am Ende gilt immer noch das Versprechen, das wir uns einst gegeben haben:

In guten wie in schlechten Zeiten.

 

 

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